Eigentlich gibt es sie schon viel länger, die ummauerten Gärten, die wir als so typisch britisch empfinden. Ursprünglich lag der Sinn der hohen Mauern darin, das überlebenswichtige Obst und Gemüse sowohl vor dem Menschen als auch vor Tieren zu schützen. Doch die Vorteile sind weitaus vielseitiger, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Gerade während der viktorianischen Zeit erlebte der Walled Garden eine Blütezeit und erlangte nicht zuletzt aufgrund des technischen Fortschritts und guter Lieferketten einen Höhepunkt seiner Beliebtheit. Das britische Empire florierte. „Zeige mir deinen Garten und ich sage dir, wer du bist“ – mit dieser Überschrift ließe sich die Gartenkultur der damaligen Zeit beschreiben. Man brüstete sich mit allerlei exotischen Blumen und Früchten, die man sich dank des stetig wachsenden Schienennetzes – samt Samen und Dünger – von weit her liefern lassen konnte. Der heimische Garten wurde insbesondere in der Oberschicht zu einem Statussymbol – immer befeuert von Menschen, die sich als Pflanzenjäger bezeichneten und sich auf die Suche nach neuen Exemplaren machten, um sie nach Großbritannien zu bringen.
Die Königin als Vorbild
Königin Victoria und ihr Mann Albert galten als Gartenliebhaber und es heißt, sie hätten auch gerne selbst hin und wieder Hand bei der Gartenarbeit angelegt. Die Menschen begannen damit, der Königin nachzueifern, denn ihr 27 Hektar großer Küchengarten in Frogmore in der Nähe von Windsor galt als Vorbild für den Adel. Victoria ließ in den Frogmore Gardens auch verschiedene Bauwerke errichten, wie beispielsweise ein Teehaus und nach dem Tod von Albert ein Mausoleum, wobei es dort bereits ein Mausoleum für ihre Mutter gab. Sie gestaltete ganze Bereiche als Ruheoasen, um ihre Trauer über den Tod ihres Mannes zu verarbeiten. Die Gärten einschließlich des Küchengartens sind bis heute erhalten. Man kann Frogmore House, Frogmore Cottage und die dazugehörigen Gärten besichtigen, allerdings nur an sehr wenigen und ausgewählten Tagen im Jahr.
Durch den Ausbau des Eisenbahnverkehrs konnte aber damals beispielsweise auch der königliche Landsitz Osborne House auf der Isle of Wight regelmäßig mit exotischen Pflanzen beliefert werden.
Klimatische Vorteile
Neben dem Drang, etwas darstellen zu wollen, bot und bietet ein Walled Garden aber auch ganz pragmatische Vorteile. Die hohen Mauern aus Back- oder Natursteinen ermöglichen hervorragende Bedingungen für das Gedeihen von Pflanzen, selbst Obstbäume wie Aprikose oder Pfirsich haben hier eine realistische Überlebenschance, denn die Mauern speichern die Wärme der Sonnenstrahlen und geben sie dann langsam ab. Außerdem schützen sie die Pflanzen vor kaltem Wind und Frost.
Das Ende der Glassteuer
Im Jahr 1845 wurde die Glassteuer aufgehoben, was dazu führte, dass Plattenglas erschwinglich wurde und man sich Gewächshäuser in sämtlichen Größen bauen konnte. Diese teilweise sogar beheizten Gewächshäuser innerhalb der Mauern verbesserten die Bedingungen weiter und so konnten sogar Ananaspflanzen gedeihen.
Bekannte Walled Gardens
Wir stellen Ihnen hier drei bekannte Gärten vor, die Sie auch besuchen können:
Sissinghurst Castle Garden
Hierbei handelt es sich um einen der berühmtesten und beliebtesten Gärten weltweit. Das Schloss befindet sich in der Grafschaft Kent, die dazugehörigen Gärten bestechen durch verschiedene ummauerte Bereiche. Der Gemüsegarten erhielt im Jahr 2023 von der Soil Association die Bio-Zertifizierung. Weitere Höhepunkte sind der Rosengarten und der White Garden.
Hampton Court Palace Walled Kitchen Garden in der Nähe von London
Der historische Küchengarten wird auch heute immer noch nach traditionellen Anbaumethoden bewirtschaftet. Das Schloss - vor allem durch Heinrich VIII bekannt - und die Gärten können besichtigt werden. Es gibt sogar Tage der offenen Tür mit freiem Eintritt.
Helmsley Walled Garden in North Yorkshire
Dieser Garten diente als eine von mehreren Kulissen für die Verfilmung des Romans „Der geheime Garten“ aus dem Jahr 2020.
Na, haben Sie Lust auf Gartenarbeit oder eine Gartenreise bekommen? Einig dürften wir uns darin sein, dass Gärten in allen Zeiten der Geschichte eine große Bedeutung für die Menschheit hatten. Zum einen sorgen sie für Nahrung, zum anderen sind sie Balsam für die Seele, Ruheorte, Kraftspender und Oasen des Friedens. Entspannen Sie doch mal wieder bei einem Spaziergang durch einen Garten. Wir wünschen Ihnen viel Freude dabei.


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