Lavendel neben Wildgras, rostfarbene Terrakottatöpfe neben alten Steinmauern, dazwischen summen Bienen über locker bepflanzten Beeten. Vom 19. bis zum 23. Mai 2026 fand die RHS Chelsea Flower Show wieder auf dem Gelände des Royal Hospital Chelsea in London statt. Seit ihrem Beginn im Jahr 1913 gilt Chelsea als die berühmteste Gartenschau der Welt und als ziemlich zuverlässiger Kompass dafür, was sich wenige Monate später in Vorgärten zwischen Surrey, Yorkshire, Edinburgh und den Cotswolds zeigt. Und 2026 fällt vor allem eines auf: Britische Gärten sollen wieder leben.
Perfekt gestutzte Rasenflächen und sterile Kiesgärten verlieren an Bedeutung. Stattdessen dominieren Wildblumen, klimaresistente Pflanzen und Gärten, die absichtlich etwas ungeordneter aussehen dürfen.
Wilde Blumen statt perfekter Ordnung
Einer der größten Trends der Saison ist das sogenannte „climate-resilient planting“. Nach ungewöhnlich heißen Sommern und immer trockeneren Wetterphasen setzen viele britische Gärtner auf Pflanzen, die mit Hitze und wenig Wasser besser zurechtkommen. Lavendel, Sedum, Salbei, Verbena oder mediterrane Pflanzen wie Euphorbia tauchen dieses Jahr in unzähligen Showgärten auf. Sie brauchen weniger Wasser, ziehen Bienen an und wirken dabei trotzdem üppig und farbenfroh.
Gleichzeitig verabschieden sich viele Briten langsam vom Gedanken, dass ein Garten perfekt geschniegelt sein muss. Der streng geometrische Formalgarten nach dem Vorbild von Versailles wird wieder den Franzosen überlassen. Stattdessen prägen wilde Blumenwiesen, hohe Gräser, locker bepflanzte Beete und bewusst ungerade Wege die neuen Gartenkonzepte.
Gärten für alles, was summt und brummt
Besonders beliebt sind sogenannte „wildlife-friendly gardens“. Vogeltränken, Bienenpflanzen, kleine Teiche und wilde Gartenecken für Insekten gehören inzwischen fast selbstverständlich dazu. Statt jeden Zentimeter Rasen zu kontrollieren, lassen viele Gartenbesitzer gezielt Bereiche natürlich wachsen, damit Vögel, Schmetterlinge und Bienen mehr Lebensraum finden.
Ausgerechnet Jeremy Clarkson, lange vor allem als TV-Liebling aus Top Gear, The Grand Tour und später Clarkson’s Farm bekannt, hat auf seiner Farm ganze Flächen mit Wildblumen angelegt, um Insekten und Bienen mehr Nahrung zu bieten. Damit ist er zu einem der sichtbarsten Botschafter für nachhaltigere Landwirtschaft in Großbritannien geworden. Dass Clarkson dieses Thema in die breite Masse trägt, sagt viel darüber aus, wie sehr sich der Blick auf Natur, Landwirtschaft und Gärten gerade verändert.
Nachhaltigkeit wird sichtbar
Überhaupt zieht sich das Thema Nachhaltigkeit durch fast alle Gartentrends 2026. Regenwasser wird gesammelt, alte Materialien wiederverwendet und statt großer Steinflächen setzen viele Gärtner wieder stärker auf offene Erde, Pflanzen und weiche Übergänge.
Auch scheinbar kleine Details spielen dabei plötzlich eine Rolle. Alte Regentonnen mit kleinen Löchern, aus denen Wasser langsam in den Boden sickert, gelten mittlerweile als clevere Lösung gegen Wasserverschwendung. Viele Showgärten arbeiten außerdem mit recyceltem Holz, Solarleuchten oder langlebigen Materialien.
Auffällig ist auch der Trend zu „soft landscaping“. Statt riesiger Terrassen, Betonflächen oder aufwendiger Pflasterungen setzen viele Gärtner wieder auf Pflanzen, Bäume und offene Grünflächen. Der Garten soll kühler wirken, Regen besser aufnehmen und sich natürlicher anfühlen.
Gemüse als Teil des Gartendesigns
Besonders spannend ist, wie stark Nutzpflanzen nun Teil des eigentlichen Gartendesigns geworden sind. Kräuter wachsen zwischen Rosen, Erdbeeren zwischen Blumenbeeten und sogar Kohl oder schwarze Johannisbeeren werden dekorativ in Szene gesetzt. Die Royal Horticultural Society sieht vor allem schwarze Johannisbeeren als die große Trendpflanze des Jahres.
Auch sogenannte „foraging gardens“ werden immer beliebter. Dabei entstehen Gärten mit essbaren Pflanzen, Kräutern und Beeren, die man direkt ernten kann. Minze, Borretsch, Waldsauerklee oder essbare Blüten sollen nicht nur schön aussehen, sondern auch tatsächlich genutzt werden.
Kleine Balkone und Stadtterrassen werden heutzutage wie kleine Küchengärten gestaltet. Mini-Gurken, kompakte Auberginenpflanzen, Kräutertöpfe und kleine Tomatenstauden gehören mittlerweile zu den wichtigsten Gartentrends für urbane Räume. Der klassische Küchengarten erlebt gerade ein überraschend modernes Revival.
Terrakotta, kräftige Farben und Outdoor Living
Auch optisch wird es 2026 deutlich wärmer. Terrakotta-Töne, dunkles Grün, Burgunderrot und kräftige Farben ersetzen die lange Zeit dominierenden neutralen Beige- und Grautöne. Große Pflanzgefäße und auffällige Keramiktöpfe werden selbst zu Gestaltungselementen. Besonders beliebt sind überdimensionale Töpfe mit Olivenbäumen, Lavendel oder kleinen Obstbäumen.
Dazu kommt die neue Lust auf Outdoor Living. Große Holztische, wetterfeste Sofas, Outdoor-Küchen, Feuerstellen und intelligente Gartenbeleuchtung prägen viele der diesjährigen Showgärten. Sogar klassische Zimmerpflanzen wandern inzwischen im Sommer nach draußen. Spinnenpflanzen, Lantana oder Tradescantia tauchen plötzlich in Außenbereichen und in Hanging Baskets auf.
Die Chelsea Flower Show wird jedes Jahr beliebter und das nicht nur wegen der schönen Blumen. Zwischen Großstadtstress, sozialen Medien und ständigem Online-Sein zieht es immer mehr Menschen wieder nach draußen. Sie wollen mit den Händen arbeiten, Tomaten pflanzen oder einfach einen Abend zwischen Lavendel und Vogelgezwitscher verbringen.
Chelsea zeigt deshalb längst nicht mehr nur, welche Pflanzen gerade modern sind. Die Schau zeigt auch, wonach sich viele Menschen im Sommer 2026 sehnen: weniger Perfektion, mehr Natur und Ruhe direkt vor der eigenen Haustür.


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