Wer Wimbledon nur aus Funk, Fernsehen oder Internet kennt, hat schnell ein festes Bild im Kopf. Jackett und Krawatte gehören scheinbar dazu, Jeans scheinen nicht automatisch ausgeschlossen zu sein. Stimmt das – oder sind es eher überholte Klischees? Die kurze Antwort: Es kommt darauf an. Die lange Antwort lesen Sie hier.
Tatsächlich haben die meisten Besucherinnen und Besucher deutlich mehr Spielraum, als der Ruf des Turniers vermuten lässt. Was im Fernsehen sichtbar wird, sind vor allem die besonders exklusiven Bereiche: die Royal Box, der sogenannte Members’ Enclosure und die Hospitality-Bereiche. Dort gelten tatsächlich strengere Vorgaben als auf den allgemeinen Tribünen. Diese Bereiche werden in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch oft verallgemeinert.
Die Dresscodes in den verschiedenen Bereichen
Für Besucherinnen und Besucher mit normalen Tickets, etwa aus der Lotterie, dem Tagesverkauf oder dem Weiterverkauf, gibt es keinen offiziell veröffentlichten allgemeinen Dresscode. Jeans sind nicht automatisch ausgeschlossen, ebenso wenig klassische Sneaker. Die offiziellen Regeln beziehen sich vor allem auf Verhalten und Sicherheit. Kleidung, die als beleidigend oder unangemessen empfunden werden könnte, ist nicht erlaubt, genauso wenig das Entblößen des Oberkörpers.
In den Hospitality-Bereichen gelten andere Erwartungen. Dort ist „Smart Casual“ üblich, also gepflegte Freizeitkleidung wie Blazer, Sommerkleider oder ordentliche Hosen.
In den sogenannten Debenture-Bereichen, in denen Plätze mit besonderen Zugangsrechten verbunden sind und Restaurantangebote genutzt werden, wird zwar ebenfalls ein gehobener Kleidungsstil erwartet, ein formaler Anzug ist jedoch nicht vorgeschrieben.
Den strengsten Dresscode für Gäste gibt es im Members’ Enclosure, dem traditionsreichen Bereich für Clubmitglieder und ihre Gäste. Dort sind Denim, Leggings, Shorts, Hoodies und Sportschuhe nicht erwünscht, Herren tragen üblicherweise Krawatte.
In der Royal Box, dem am strengsten regulierten Bereich, wird festliche Kleidung erwartet, bei Herren in der Regel Anzug und Krawatte, bei Damen entsprechende Abend- oder Tagesgarderobe. Große Hüte sind dort nicht erwünscht, da sie die Sicht behindern können.
Stil auf den Tribünen
Auf dem Gelände zeigt sich ein deutlich vielfältigeres Bild, als es der Mythos vermuten lässt. Leinenhemden, Sommerkleider, Chinos, leichte Blazer, Loafer und Sneaker bestimmen das Bild. Gleichzeitig hat sich über die Jahre eine unaufdringliche Wimbledon-Ästhetik entwickelt: helle Töne wie Weiß, Beige und Pastell dominieren, Panamahüte sind häufig zu sehen, ebenso florale Muster und klassische Polka Dots.
Prominente Gäste tragen zur öffentlichen Wahrnehmung bei. Die britische Schauspielerin Sienna Miller, bekannt aus Film und Fernsehen, erscheint meist in eleganten, sommerlich leichten Outfits wie Broderie-Anglaise-Kleidern oder Leinenanzügen. Der Schauspieler Tom Cruise wird regelmäßig in klassischen Anzügen gesehen, oft in Nadelstreifen. Pierce Brosnan wiederum setzt auf helle Leinenanzüge und Catherine, Princess of Wales, orientiert sich bei ihren Auftritten meist an den Farben des Turniers: Dunkelgrün und Lila, seit 1909 die offiziellen Farben von Wimbledon.
Für einen langen Tag auf dem Gelände empfiehlt sich eine leichte Jacke. Der englische Sommer bleibt wechselhaft, auch innerhalb weniger Stunden kann Sonne in Regen übergehen (und wieder zurück). Praktisch ist zudem eine kleine Tasche, die die Maximalmaße von 40 x 30 x 30 Zentimetern haben darf. Bei großen Hutkrempen sollte man den gesunden Menschenverstand walten lassen: Sie wirken zwar stilvoll, können auf den Tribünen jedoch die Sicht behindern.
Kleidung auf dem Platz
Während Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Kleidung also relativ frei wählen können, gilt auf dem Platz selbst eine der strengsten Kleiderordnungen im Profisport. Spielerinnen und Spieler müssen vollständig in Weiß antreten – und zwar wirklich Reinweiß, also weder Cremeweiß noch Off-White. Farbige Akzente sind nur in sehr begrenztem Rahmen erlaubt, etwa als schmale Linie an Kragen, Ärmeln oder Nähten. Auch Logos sind sehr eingeschränkt zulässig. Schuhe müssen überwiegend weiß sein, inklusive Sohle und Schnürsenkeln.
Eine wichtige Anpassung wurde in den letzten Jahren eingeführt: Spielerinnen dürfen dunkle Untershorts unter ihren Röcken tragen. Die Regeländerung reagierte auf die Belastung durch den vorherigen „All-White“-Dresscode, insbesondere während der Menstruation.
Die Geschichte des Dresscodes war nicht immer skandalfrei. Die französische Tennisspielerin Suzanne Lenglen sorgte 1919 für Aufsehen, als sie ohne Korsett und mit kürzerem Rock auftrat. Die US-amerikanische Spielerin Anne White wurde 1985 für ihren weißen Ganzkörperanzug kritisiert. 2017 führte ein pinkfarbener BH-Träger der US-Amerikanerin Venus Williams zu Diskussionen während eines Matches. Die strikte „All-White“-Kleidungsvorschrift gehört bis heute zu den prägenden Merkmalen des Turniers, ebenso wie der wechselhafte englische Sommer und der berühmte Wimbledon-Snack Erdbeeren mit Sahne.
Mehr zu dieser Tradition lesen Sie hier: https://blog.the-british-shop.de/view/strawberries-cream-and-then-some


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