Wussten Sie, dass derselbe Architekt, der später den Buckingham Palace umbaute, auch das eher unscheinbare Herrenhaus in einem walisischen Tal entworfen hat? Wir wussten es jedenfalls nicht – bis wir Llanerchaeron besuchten. Und damit begann eine kleine Zeitreise, die uns von einem eleganten Landhaus mit einer historischen Küche und einem erstaunlich modernen Selbstversorgergarten bis zu einem Second-Hand-Buch und einer portugiesischen Süßspeise führte.
Llanerchaeron liegt unweit der Küstenstadt Aberaeron in Ceredigion, Wales, und gehört heute dem National Trust. Das Anwesen ist außergewöhnlich gut erhalten: Villa, Dienstbotenbereich, Stallungen, Wirtschaftsräume, Garten, Farm und Parklandschaft vermitteln noch heute ein ziemlich vollständiges Bild davon, wie ein walisisches Landgut einst funktionierte. Zehn Generationen derselben Familie lebten hier, bevor das Anwesen 1989 an den National Trust überging.
John Nash – vom walisischen Landgut zum Buckingham Palace
Erbaut wurde das Haus für Major William Lewis, der später zum Colonel befördert wurde. Er liess in den 1790er-Jahren den damals noch wenig bekannten Architekten John Nash mit dem Entwurf beauftragen. Die Villa wurde 1795 fertiggestellt. Was heute als elegante Georgian Villa erscheint, war zugleich Teil eines erstaunlich gut durchdachten, weitgehend selbstversorgenden Anwesens.
Nash sollte später zu einem der wichtigsten Architekten der britischen Regency-Zeit werden. Seine Architektur steht für klassische Eleganz, Symmetrie und Einflüsse aus der Antike. In London prägte er unter anderem mit Regent's Park das Stadtbild; auch am Buckingham Palace und am Royal Pavilion in Brighton hinterließ er seine Spuren.
In Llanerchaeron zeigt sich seine Kunst dagegen auf angenehm bescheidene Weise: Die Villa wirkt elegant, aber nicht protzig und fügt sich harmonisch in das Tal des Aeron ein.
Und Major William Lewis? Auch er war offenbar kein Stubenhocker. Während der Französischen Revolutionskriege diente er als Major der Cardigan Militia. 1793 wurde seine Einheit an die von einer französischen Invasion bedrohte Südküste Englands geschickt. So begegnen sich auf Llanerchaeron Architektur und Militärgeschichte auf ganz unerwartete Weise.
„Das erinnert mich an das Haus meiner Grossmutter!“
Wir begannen unsere Besichtigung im Inneren der Villa. Besonders spannend wird es dort, wo einst nicht repräsentiert, sondern gearbeitet wurde. Hinter dem Haupthaus liegt ein vollständig erhaltener Wirtschaftshof mit Küche, Molkerei, Wäscherei, Brauerei und weiteren Räumen für die Versorgung des großen Haushalts. Bei Führungen hörten wir einige Besucher mit ähnlichen Sätzen wie: „Das erinnert mich an das Haus meiner Großmutter!“ Wir konnten das gut nachvollziehen. Die alten Küchen und Keller wirkten nicht wie eine sterile Museumskulisse, sondern erzählten vom ganz normalen Alltag vergangener Generationen. Hier wurde gebacken, gebraut, gewaschen, gesalzen und konserviert. Was heute unter dem Schlagwort „nachhaltiges Leben“ modern klingt, war damals schlicht die Voraussetzung dafür, dass ein großes Gut funktionieren konnte.
Ein Garten, der seiner Zeit weit voraus war
Besonders fasziniert hat uns der ummauerte Garten. Wir durften ihn früh am Morgen anschauen – zu einer Zeit, als die Besucher noch nicht so zahlreich unterwegs waren. Und plötzlich wurde deutlich, dass dieser Garten weit mehr ist als eine hübsche Kulisse für ein Herrenhaus. Er war eine Art historisches Produktionszentrum. Die hohen Mauern schützten vor Wind und speicherten Wärme, beheizbare Beete verlängerten die Anbausaison und verschiedene technische Einrichtungen ermöglichten es, selbst empfindliche Früchte anzubauen. Der National Trust bezeichnet den Garten sogar als eine Art „High-Tech Bienenstock“ der georgianischen Zeit.
Noch heute wird hier produziert. Alte Obstbäume, darunter zahlreiche historische Apfelsorten, stehen neben Gemüse- und Kräuterbeeten. Mehr als 50 Apfelsorten wachsen inzwischen im Garten; einige davon gehören zu den walisischen historischen Sorten, die heute wieder stärker erhalten werden sollen. Die alten Bäume sind dabei nicht nur Lieferanten von Äpfeln, Birnen oder anderen Früchten. Sie bieten Lebensraum für Insekten, Moose und Flechten. Zusammen mit den traditionellen Gemüse- und Blumenbeeten bilden sie ein kleines ökologisches Netzwerk und damit einen wertvollen Lebensraum für Wildtiere.
Auch die Landwirtschaft rund um Llanerchaeron gehört weiterhin zum Erlebnis. Der traditionelle Bauernhof mit seinen Wirtschaftsgebäuden und Tieren macht deutlich, dass dieses Anwesen ursprünglich als zum größten Teil selbstversorgender landwirtschaftlicher Betrieb konzipiert war. Genau diese Verbindung von Herrenhaus, Garten und Landwirtschaft machte Llanerchaeron für uns so besonders.
Ein Café, ein Buch und ein Stück Portugal
Nach so viel Geschichte brauchte es natürlich eine Stärkung. Und auch hier hat Llanerchaeron seinen ganz eigenen Charme: Denn am Ufer des Aeron befindet sich ein gemütliches Café – ganz britisch, versteht sich. Gleich daneben, im Besucherbereich, findet sich sogar ein kleiner Second-Hand-Buchladen. Die Bücher stammen aus Spenden, und der Erlös aus ihrem Verkauf fließt direkt zurück nach Llanerchaeron. Auch mit unseren Einkäufen und dem Besuch vor Ort unterstützten wir also den Erhalt des Anwesens.
Kulinarisch lehnten wir uns dann allerdings ein wenig über die britischen Gourmetgrenzen hinaus und probierten hausgemachte Pastel de Nata – portugiesische Blätterteigtörtchen mit cremiger Füllung. Dazu kauften wir uns ein Buch über James Cook, den großen britischen Weltentdecker. Und plötzlich passte alles wieder zusammen: Portugal im walisischen Café, ein britischer Weltreisender im Second-Hand-Buchladen und wir als Schweizer mitten in Wales. Die Welt ist eben doch ein Dorf!
Das bestätigte uns auch Jennifer Botha, die für das Marketing von Llanerchaeron zuständig ist. Sie kennt viele Geschichten von Besuchern aus aller Welt, die hierherkommen und ihre eigenen Erinnerungen mit dem Anwesen verbinden. Für sie ist Llanerchaeron längst nicht mehr nur ein Stück walisische Geschichte, sondern ein Ort, an dem sich Menschen und Geschichten aus aller Welt begegnen.
St Non's – die kleine Kirche nebenan
Wer Llanerchaeron besucht, sollte unbedingt noch ein paar Schritte weitergehen. Nur etwa hundert Meter vom Herrenhaus entfernt steht St Non's Church. Das kleine Gotteshaus gehört unbedingt zum Gesamterlebnis dieses Ortes. Die Geschichte der Kirche reicht weit zurück. In ihrer heutigen Form wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts umgestaltet; William Lewis soll John Nash 1794 mit dem Umbau beauftragt haben. Die Arbeiten waren 1798 abgeschlossen. Damit steht die kleine Kirche in unmittelbarer architektonischer Verbindung zur Villa. Gerade dieser Kontrast hat uns gefallen: hier das große Landgut mit seinem eleganten Herrenhaus, dort das kleine, stille Gotteshaus. Kein spektakulärer Kathedralenbau, sondern eine Kirche, die einfach zum Ort gehört – und deshalb vielleicht umso mehr zum Verweilen einlädt.
Ein Besuch, der lange nachwirkt
Llanerchaeron ist kein Ort, den man in einer halben Stunde „abhakt“. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt immer neue Facetten: die elegante Villa, die alten Küchen und Wirtschaftsräume, den Garten mit seinen historischen Obstbäumen, die Landwirtschaft, den See und die Parklandschaft – und schließlich die kleine Kirche. Uns hat besonders gefallen, dass hier nicht nur eine vergangene Welt konserviert wird. Vieles lebt weiter: Im Garten wächst Gemüse, Obst wird geerntet, Tiere gehören weiterhin zum Hof und im Café wird Kuchen serviert. Sogar ein gebrauchtes Buch kann dazu beitragen, dass dieses Stück Wales erhalten bleibt. Und während wir mit unserem James-Cook-Buch unter dem Arm Llanerchaeron wieder verließen, mussten wir feststellen: Ein kleines, etwas abgelegenes Landgut in Wales kann erstaunlich viel von der Welt erzählen. Vielleicht ist genau das der schönste Grund, hierherzukommen.


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