Unweit der berühmten weißen Kreidefelsen von Dover lockt ein kleines verborgenes Naturschutzparadies mit seltenen Pflanzenarten und einer faszinierenden Tierwelt. Es ist aber nicht natürlich entstanden und noch nicht einmal 30 Jahre alt: Samphire Hoe verdankt seine Existenz dem gigantischen Bauprojekt des Kanaltunnels.
Aus Tunnelschutt wird eine Traumlandschaft
Als in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren der Eurotunnel zwischen England und Frankreich gebohrt wurde, hatten die Ingenieure vielerlei Probleme zu lösen. Nicht zuletzt galt es zu klären: Wohin mit fast fünf Millionen Kubikmetern ausgehobenem Gestein? Die Lösung war so pragmatisch wie genial: Man kippte den Aushub einfach ins Meer, genauer gesagt hinter eine eigens gebaute, rund 1,7 Kilometer lange Wellenschutzmauer am Fuß des Shakespeare Cliff zwischen Folkestone und Dover.
Warum man sich bei mehr als 60 Vorschlägen für diesen Abladeplatz entschied, ist leicht nachzuvollziehen: Beim Bau der Eisenbahnlinie 1843 zwischen Dover und Folkestone waren hier schon die Klippen abgesprengt worden. Und einen Zugang zum Meer bot bereits ein kleiner Tunnel, der vom ersten (aufgegebenen) Versuch eines Kanaltunnelbaus in den1970ern übrig geblieben war. Und man brauchte den Abraum nicht weit zu transportieren – eine perfektere Lösung gab es also wohl kaum.
So entstand buchstäblich neues Land – ein 30 Hektar großes Areal.
Ein Rückzugsort für Federn, Flügel und Blüten
Was als Deponie für den ausgebohrten Kreide-Mergel begann, entwickelte sich schnell zu einem erstaunlich artenreichen Lebensraum. Die beauftragten Landschaftsgestalter pflanzten keine dichten Wälder oder Sträucher, sondern säten gezielt eine spezielle Mischung aus 31 heimischen Wildblumen- und Grasarten aus, die auf kalkhaltigem Boden gedeihen. Der Großteil der heutigen Tierwelt entstand durch „Rewilding“, durch natürliche Entwicklung ohne menschliche Eingriffe. Wind, Vögel und Insekten brachten Samen der umliegenden Kreidefelsen ein.
Mittlerweile wachsen hier über 200 Pflanzenarten, darunter die Spinnen-Ragwurz, eine seltene Orchideenart, die Naturfreunde in helle Aufregung versetzt. Am Himmel kreisen Wanderfalken, Turmfalken und Feldlerchen, insgesamt wurden rund 220 Vogelarten gesichtet. Dazu gesellen sich etwa 30 Schmetterlingsarten sowie Eidechsen und Kreuzottern, die sich gerne an der Sonnenmauer aufwärmen.
Woher der Name stammt
Der Name wurde 1994 bei einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb aus Hunderten von Einsendungen ausgewählt. Gewonnen hat ihn die pensionierte Grundschullehrerin Gillian Janaway aus Dover.
„Samphire" bezieht sich auf den Meerfenchel (Rock Samphire), eine robuste Pflanze, die einst an genau diesen Kreidefelsen wuchs. Im Mai wurden ihre fleischigen Blätter geerntet, in Salzlake eingelegt und als Beilage nach London verschifft – erwähnt wird die Pflanze sogar in Shakespeares "König Lear". Und wer jetzt am Strand von Samphire Hoe entlang bummelt, der kann diesen Meerfenchel hier wieder entdecken.
„Hoe" wiederum ist ein alter englischer Begriff für ein Stück Land, das ins Meer hineinragt.
Warum sich ein Besuch lohnt
Das Gebiet gehört der Betreibergesellschaft Getlink (Eurotunnel) und wird zusammen mit der Naturschutzorganisation White Cliffs Countryside Partnership (WCCP) sowie lokalen Freiwilligen gepflegt.
1997 öffnete Samphire Hoe für die Öffentlichkeit. Wer den Park besuchen möchte, muss sich der kleinen Zufahrt über die A20 von Dover her kommend nähern. Ein schmaler, einspuriger Tunnel mit Ampelregelung führt durch den Felsen in die verborgene kleine Welt.
Man muss kein Hobby-Ornithologe sein, um Samphire Hoe zu genießen. Es gibt gemütliche Wander- und Radwege, einen Kieselstrand für Picknicks, ein kleines Café, Ausstellungsflächen und einen Aussichtsturm, von dem man einen herrlichen Rundblick über Kanal und Klippen genießt. Der Park wurde mehrfach mit dem Green Flag Award ausgezeichnet, einem Gütesiegel für besonders gepflegte britische Grünanlagen.
Es ist wohl dieser ganz besondere Reiz von Samphire Hoe, der mittlerweile jährlich über 100.000 Besucher anzieht: Eine Abraumfläche, die aus purer Notwendigkeit und tonnenweise ausgehobenem Gestein entstand, hat sich in nur drei Jahrzehnten in ein blühendes Kleinod verwandelt – ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Natur und Ingenieurskunst erfolgreich Hand in Hand arbeiten können.


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