Neuengland hat seinen Indian Summer, Großbritannien hat Schottlands Wälder, englische Landschaftsgärten und genügend Ahorn, Buchen und Eichen, um im Oktober ebenfalls überzeugend in Rot und Gold zu leuchten. Im Norden beginnt die Herbstfärbung meist früher, während sich Südengland häufig bis Ende Oktober oder Anfang November Zeit lässt. Wer eine Reise zur richtigen Zeit plant, kann sich wunderbar von Schottland aus langsam in Richtung Süden bewegen und den Farbverlauf buchstäblich verfolgen.
Schottland: Big Tree Country
Perthshire trägt den Beinamen „Big Tree Country“ nicht ohne Grund: Mehr als 200.000 Acres, rund 81.000 Hektar, sind bewaldet, und hier stehen mehr sogenannte Champion Trees – besonders große oder hohe Rekordbäume – als irgendwo sonst in Großbritannien. Rund um Pitlochry und Dunkeld wachsen mächtige Douglasien, Lärchen, Buchen, Eichen und Birken, darunter einige der höchsten Bäume des Landes.
Besonders eindrucksvoll ist The Hermitage bei Dunkeld, wo riesige Douglasien über dem River Braan stehen und ein Weg zum Wasserfall und zur im 18. Jahrhundert erbauten Ossian’s Hall führt. Bei Aberfeldy wiederum folgt der Rundweg Birks of Aberfeldy dem Moness Burn durch eine bewaldete Schlucht. Der schottische Nationaldichter Robert Burns besuchte den Ort 1787 und schrieb anschließend das gleichnamige Gedicht.
Auch der Faskally Forest nördlich von Pitlochry hat eine besondere Geschichte. Die Besitzer von Faskally House legten hier im 19. Jahrhundert einen Modellforst an; später wurden dort junge Förster ausgebildet. Heute führt der Foresters‘ Trail durch die artenreiche Baumsammlung und ein weiterer Weg um Loch Dunmore. Im Herbst spiegeln sich die goldenen und kupferfarbenen Bäume im Wasser und mit etwas Glück sieht man in den Flüssen Perthshires zu dieser Jahreszeit sogar Lachse auf ihrer Wanderung zu den Laichplätzen.
Lake District: Golden Fells
Die Gegend um Grasmere und Rydal Water zeichnet sich durch dichte Wälder und Berge aus, die sich fast bis an die Seen erstrecken. Hier lebten auch zwei der bekanntesten Vertreter der englischen Romantik: Der Dichter William Wordsworth und seine Schwester Dorothy Wordsworth, Schriftstellerin und Tagebuchautorin, zogen im Dezember 1799 in Dove Cottage in Grasmere. William schrieb hier einige seiner bekanntesten Gedichte, während Dorothy Landschaft, Wetter und Pflanzenwelt in ihren Grasmere Journals festhielt.
Dass die Natur des Lake District auch der Seele guttun kann, spielte mehr als ein Jahrhundert später eine ganz andere Rolle. Im August 1945 wurden jüdische Kinder und Jugendliche, die den nationalsozialistischen Terror überlebt hatten, zur Rehabilitation nach Windermere gebracht. Auf dem Calgarth Estate sollten die später als „Windermere Children“ bekannt gewordenen jungen Überlebenden wieder zu Kräften kommen. Viele verbrachten dort mehrere Monate und begannen sich unter den gelb-, rot- und orangeleuchtenden Bäumen des Lake Districts von den Schrecken des Krieges zu erholen.
Die Kraft der Natur
Was man damals noch nicht messen konnte, beschäftigt inzwischen sogar die Medizin: Bäume geben sogenannte Phytoncide an die Luft ab, flüchtige Pflanzenstoffe wie Alpha- und Beta-Pinen. Untersuchungen zum japanischen „Waldbaden“ zeigten nach Aufenthalten im Wald eine erhöhte Aktivität natürlicher Killerzellen, die im Immunsystem unter anderem virusinfizierte und entartete Zellen erkennen und zerstören. Ganz ohne Laborwerte dürfte ein Spaziergang im Lake District Ende Oktober ohnehin überzeugen: Dann färben sich die Baumkronen gold und kupferfarben, der Adlerfarn überzieht die Berghänge mit Rostbraun und auf Windermere, Derwentwater, Ullswater und Coniston lässt sich der britische Herbst sogar vom Wasser aus betrachten.
Der goldene Süden Englands
In den Cotswolds trifft das Herbstlaub auf den honigfarbenen Kalkstein von Dörfern wie Bibury, Broadway und Castle Combe. Für Baumliebhaber liegt gleich daneben Westonbirt, The National Arboretum. Robert Stayner Holford begann 1829 auf seinem Familienbesitz mit der Anlage der Sammlung und ließ Bäume aus aller Welt pflanzen. Besonders berühmt wurde Westonbirt für seine Ahorne. Allein die nationale Sammlung japanischer Ahorn-Kultivare umfasst heute rund 300 verschiedene Formen. Der bekannteste Vertreter, Acer palmatum, heißt auf Japanisch Irohamomiji und wird seit Jahrhunderten in Japan wegen seiner Herbstfärbung kultiviert. In Westonbirt stehen seine gelben, orangefarbenen und scharlachroten Blätter im Oktober zwischen Lärchen, Eichen und Buchen.
Schwein gehabt!
Im New Forest in Hampshire gehört zum Herbst eine Tradition, die vermutlich kein Landschaftsgärtner besser hätte erfinden können. Während der Pannage Season treiben die Commoners ihre Schweine in den Wald, damit sie Eicheln, Bucheckern und Fallobst fressen. Eicheln können bei den frei lebenden Ponys und Rindern schwere Vergiftungen verursachen, Schweine vertragen sie dagegen problemlos. Früher hatte das Ganze noch einen zweiten Zweck: Die Waldmast machte die Schweine rechtzeitig für das Schlachten und das Einsalzen im Winter fett. Im 19. Jahrhundert liefen während der Pannage bis zu 6.000 Schweine durch den New Forest; heute sind es meist zwischen 200 und 600.
Ein echtes Kunstwerk
Im Winkworth Arboretum in Surrey kaufte der Arzt und leidenschaftliche Pflanzenkenner Dr. Wilfrid Fox 1937 einen bewaldeten Hang bei Godalming und begann, ihn mit Ahorn, Eichen und amerikanischen Amberbäumen zu bepflanzen. Fox betrachtete Bäume ausdrücklich wie Farben auf einer Leinwand: Statt einzelne Raritäten nebeneinanderzustellen, pflanzte er größere Gruppen, deren Rot-, Gold- und Purpurtöne auch aus der Entfernung wirken sollten. Dabei bevorzugte er Wildarten aus ihren ursprünglichen Herkunftsländern gegenüber gezüchteten Gartensorten. 1943 setzte er außerdem mehr als 50 Arten von Ebereschen, Mehlbeeren und verwandten Bäumen auf den heutigen Sorbus Hill. Mehr als 80 Jahre später kann man im Herbst ziemlich genau sehen, welches Bild ihm damals vorschwebte – und warum Neuengland beim Indian Summer keineswegs konkurrenzlos ist.


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