Im September kommt in Großbritannien der Tag, an dem der Sommerkleid-Fraktion der Schrecken in die Glieder fährt. Während sich Mitteleuropa noch von den Strapazen des Sommers erholt, hat in Großbritannien bereits der Herbst Einzug gehalten. Wer morgens die Haustür öffnet, merkt es sofort: Die Luft ist kühl, der Nebel steht stur über den Wiesen, und das Spätsommerlicht wirft jenen goldenen Ton auf den Rasen, den nur der September beherrscht. Wer jetzt Haltung bewahren will, parkt Leinenkleider und Sommerhemden weit hinten im Schrank und greift nicht zu Synthetik oder den albernen Funktionsjacken des Großwarenhandels. Er greift zum britischen Materialarchiv.
Der Herbst auf der Insel beginnt schließlich nicht mit flüchtigen Modewellen, sondern mit einer knallharten Einstellung: Wer sich in diesen Wochen anzieht, sucht nicht nach bunten Trends, sondern nach Substanz. Der schwere, ehrliche Duft von gewachster Baumwolle, das griffige Gefühl von schottischem Tweed und der dichte Fall feiner Wolle gehören zur Saisoneröffnung. Es sind Stoffe, die in der rauen Natur entstanden sind, um dem Wetter zu trotzen – und genau das tun sie mit unerschütterlicher Gelassenheit.
Die unbeugsame Würde der schottischen Handweberei
Man muss die Dinge beim Namen nennen: Der feine Zwirn aus den Mailand-Kollektionen ist schön für das Parkett, aber wertlos gegen eine steife Brise von der Nordsee. Da hilft eher Harris Tweed, der auf den Äußeren Hebriden noch immer traditionell an Handwebstühlen gefertigt wird. Was daraus geschneidert wird, spottet jedem flüchtigen Trend. Die Sakkos und Blazer fangen die Farben der Highlands auf eine Weise ein, die man sonst nirgends findet: tiefes Torfbraun, moosiges Grün und sanfte Heidekrauttöne. So ein Tweed-Jacket ist im September der perfekte Begleiter für draußen – es ersetzt den schweren Mantel und ruft die Silhouette sofort zur Ordnung.
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Die stoische Würde des Cords
Ähnlich unerschütterlich steht Cord da – er war nie die Robe der Schnösel. Er ist das Textil der Professoren, der Förster, der Querköpfe und jener britischen Landedelleute, denen das Urteil ihrer Nachbarn herzlich egal ist. Der Breitcord – von den Engländerinnen fast liebevoll „Elephant Cord" genannt – hat etwas unverkennbar Beharrliches.
Panzerung aus Schafswolle
Das Anziehen im britischen September folgt einer simplen Dramaturgie: Schichten. Morgens ist es kalt, mittags plötzlich erstaunlich warm, und am Nachmittag kommt Regen schräg von links. Wer dabei nicht dreimal täglich die komplette Garderobe wechseln möchte, trägt Hemd, Strick und Jacke übereinander.
Das Herzstück ist der Pullover. Besonders schön sind Fair-Isle-Muster, benannt nach der winzigen schottischen Insel zwischen Orkney und Shetland. Die traditionellen geometrischen Muster werden in horizontalen Bändern gestrickt, wobei innerhalb einer Reihe meist nur zwei Farben gleichzeitig verwendet werden. Nachdem der spätere König Edward VIII. in den 1920er-Jahren öffentlich Fair-Isle-Strick trug, wurde aus der Inseltradition ein internationaler Modetrend. Aus Lamm- oder Shetlandwolle gestrickt, passt so ein Pullover unter Tweed genauso gut wie zur Jeans – und hält bei den üblichen Tätigkeiten eines Landadeligen zwischen Reiten, Rosengarten und Rudern ausreichend warm.
Ikonen gegen den Regen
Darüber gehört das wahrscheinlich britischste aller Kleidungsstücke: die klassische Wachsjacke. Barbour fertigt wetterfeste Kleidung seit 1894, als John Barbour im nordenglischen South Shields sein Geschäft eröffnete und zunächst Seeleute, Fischer und Hafenarbeiter mit Schutzkleidung versorgte. Modelle wie Bedale und Beaufort sind längst Teil des britischen Country-Lifestyles geworden.
Das Praktische daran: Gewachste Baumwolle kann nach Jahren neu gewachst und repariert werden. Eine gute Barbourjacke wird deshalb nicht aussortiert, sobald sie Gebrauchsspuren zeigt. Im Gegenteil! Je weicher der Stoff und je deutlicher man ihr ansieht, dass sie schon ein paar Regenschauer, Ausritte und Hundespaziergänge hinter sich hat, desto besser.
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Wenn es kälter wird, schlägt die Stunde des Dufflecoats. Der schwere Wollmantel mit Kapuze und seinen charakteristischen Knebelverschlüssen wurde ursprünglich durch die britische Royal Navy bekannt. Später gehörte er unter anderem zur Garderobe von Studenten, Künstlern – und natürlich Paddington Bear. Mehr britische Referenzen bekommt man vermutlich kaum in einen einzigen Mantel.
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Fundamente für den Herbst
Ein Spaziergang macht schließlich nur dann Freude, wenn auch das Fundament stimmt. Sobald das Laub auf den Wegen feucht wird, offenbart sich die Dürftigkeit dünner Sohlen. Dann ist es Zeit in wetterfeste Brogues zu schlüpfen. Man erkennt sie an ihren charakteristischen Lochmustern im Leder. Ihre Ursprünge liegen in Schottland und Irland, wo perforierte Schuhe im nassen Gelände getragen wurden. Aus den praktischen Löchern entwickelte sich später die dekorative Broguing-Verzierung, die heute klassische Lederschuhe und Boots schmückt.
Und wenn aus feuchtem Laub richtiger Morast wird, kommen die Hunter Wellies aus dem Schrank. Die Marke produziert seit 1856 Gummistiefel; der berühmte Original Tall wurde vom praktischen Arbeitsschuh zum festen Bestandteil britischer Country-Garderoben und Festivalplätze.
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Damit ist man für den britischen Frühherbst ziemlich vollständig ausgerüstet: Tweed gegen die Kühle, Fair Isle darunter, gewachste Baumwolle gegen den Regen und Gummistiefel für alles, was anschließend auf dem Boden liegt. Fehlt eigentlich nur noch ein Labrador im Land Rover.


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