Den meisten Menschen, die durch den Londoner Stadtteil Bayswater hasten, fällt vermutlich zunächst gar nichts Ungewöhnliches auf – insbesondere im hektischen Alltag, in dem kaum jemand Zeit hat, sich detailliert die Häuserfronten zu betrachten. Und Touristinnen und Touristen richten ihren Blick vielleicht auch eher in die Weite als zur Seite oder in die Höhe. Würden sie jedoch an den Häusern Nummer 23 und 24 Leinster Gardens stehen bleiben und sich die Adressen etwas genauer ansehen, würde ihnen wahrscheinlich nicht entgehen, dass hier irgendetwas nicht stimmt.
Schöner Schein
Die Adressen 23-24 Leinster Gardens sind schlicht und ergreifend nicht echt. Es handelt sich um Fake-Adressen, die lediglich aus einer den Nachbarhäusern angepassten Fassade bestehen. Werfen Sie einen Blick auf die Fenster. Sie wurden mit grauer Farbe aufgemalt. Zudem gibt es weder Klingeln, noch Türöffner oder Briefschlitze. Doch das fällt tatsächlich erst auf, wenn man direkt davorsteht, denn gerade die schwarze Tür sieht täuschend echt aus.
Grund für die Attrappe ist ein Tunnel, der im Jahr 1868 zwischen Paddington und Gloucester Street im Stil einer offenen Bauweise für das Streckennetz der U-Bahn eröffnet worden war. Die Lokomotiven der Metropolitan und der District Line, die die Strecke passierten, waren zwar – im Gegensatz zu ihren Vorgängermodellen – bereits mit Kondensationssystem ausgestattet, sonderten aber dennoch Dampf ab, der irgendwo entweichen musste. Für den Tunnelbau hatte man Gebäude abreißen müssen, um eine 40 Meter lange Öffnung zu schaffen. Doch eine Lücke in der hübschen Häuserfront im viktorianischen Stil hätte dieser doch eher gehobenen Wohngegend Abbruch getan, weshalb man sich kurzerhand dazu entschloss, eine 1,5 Meter dicke Fassade zu errichten und diese den fünfstöckigen Nachbargebäuden optisch anzugleichen. Auf der Rückseite befindet sich quasi nichts. Lediglich Stahlstreben stützen die Gebäude und die Tunnelwände. Von der Parallelstraße aus (Porchester Terrasse) kann man trotz einer Mauer die Rückseite der Fassade sehen und darunter auch die Züge, die die Strecke befahren.
Drehort
Spätestens im Finale der dritten Staffel der Serie „Sherlock“ sehen wir, dass 23-24 Leinster Gardens mehr Schein als Sein ist, als die Kamera für eine Szene in „Sein letztes Gelöbnis“ über das schmale Dach fährt. In der Serienfolge wird das Gesicht von Watsons Frau Mary auf die Fassade projiziert. Die Innenaufnahmen stimmen jedoch nicht mit der Realität überein.
Betrug
In einer Ausgabe des „Evening Telegraph“ aus dem Jahr 1935 soll gestanden haben, dass ein paar Jahre zuvor zahlreiche prominente Mitglieder der Londoner Gesellschaft eines schönen Abends vor Hausnummer 23 gehalten hätten, um an einer angeblichen Gartenparty teilzunehmen. Ein Betrüger hatte sich die Eintrittskarten offenbar teuer bezahlen lassen.
Perfekte Tarnung
Selbst heute wissen einige Menschen in der Nachbarschaft noch nicht, dass nebenan niemand wohnt. Andrew Martin schreibt in seinem Buch „Underground Overground“ über dieses Phänomen. Im Rahmen seiner Recherche hatte er sich nach eigenen Angaben in den umliegenden Hotels umgehört. Die Mitarbeitenden hatten keinerlei Kenntnis über eine Fake-Fassade.
Wissende Menschen hingegen lieben die Fassade 23-24 Leinster Gardens als Foto-Spot, Filmfans besuchen den Drehort. Vielleicht haben Sie ja Lust, bei Ihrem nächsten Besuch in der Hauptstadt Großbritanniens die Fassade zu besuchen?


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