Kaum schaut die Sonne für schüchterne fünf Minuten hinter den Wolken hervor, gibt es auf den Britischen Inseln kein Halten mehr. Da sitzen ein Engländer, ein Waliser, ein Schotte und ein Nordire in kurzärmeligen Hemden und Shorts an einem rustikalen Holztisch im Hinterhof ihres Vertrauens, als wäre es das Normalste der Welt. Das Thermometer zeigt mutige 15 Grad, der Wind pfeift um die Backsteinecken – aber im Gesicht liegt ein zufriedenes Lächeln wie das des faulen, fetten Comic-Katers Garfield. „Glorious weather today, isn't it?“, murmeln sie sich selig zu. Und meinen es auch wirklich so.
Wer nun glaubt, der britische Pub Garden sei nur eine schlechte Kopie des bayerischen Biergartens, verkennt das Wesentliche. Während wir Deutschen erst bei garantierten 24 Grad, absoluter Windstille und unter perfekten Kastanienbäumen die Jacke öffnen, besitzt der Brite eine faszinierende Superkraft: Er entscheidet einfach im Kopf, dass jetzt Sommer ist. Und diese kollektive Entschlossenheit ist mindestens so schön wie ’ne Bretz’n und a Mass unterm Chinesischen Turm im Englischen Garten von München.
Der Triumph der Gemütlichkeit über die Logistik
Der klassische Pub Garden braucht dafür weder bayerische Prachtkulisse mit Alpenblick noch den Sylter Strandkorb mit Blick auf die See. Oft reichen ein paar charmant gealterte Holztische, einige bunte Wimpelketten und ein winziges Fleckchen Grün. Und genau hier entfaltet sich – vorzugsweise ab der Mittagszeit und am Wochenende gern bis spät in den Abend – die wahre Magie der britischen Geselligkeit.
Denn während im deutschen Biergarten und auf den gepflegten Bistro-Terrassen die strikte Tischordnung herrscht, regiert im Pub Garden das herrlich unkomplizierte Miteinander. Man rückt einfach zusammen. Man teilt sich die Bank mit Wildfremden, plaudert über das Wimbledon-Finale, den letzten royalen Skandal und selbstverständlich auch über das Wetter, als wäre man seit Jahren eng befreundet.
Und wehe, es steht ein sportliches Großereignis an: Dann mutiert der Pub Garden dank riesiger Screens zum Public-Viewing-Hotspot. Ob Fußball-WM, Cricket oder Rugby – wenn draußen Sport geschaut wird, fliegt das Bier bei Toren schon mal kollektiv im hohen Bogen durch die Luft. Das gehört hier praktisch zum guten Ton.
Obstsalat zum Trinken und ein letztes Glas im Stehen
Getrunken wird dazu vorzugsweise Pimm’s No. 1 – eine urtypische Kräuterlikör-Mischung, die zu gleichen Teilen aus Alkohol, Limonade und einem halben botanischen Garten aus Gurkenscheiben und Erdbeeren besteht. Ein Getränk, das aussieht wie ein Salatbecher, aber nach dem dritten Glas selbst den Linksverkehr logisch erscheinen lässt.
Dazu gibt es deftigen Pub Grub, also ehrliche, ungesunde Klassiker wie frittierte Scotch Eggs oder Pommes im Stehen, weil die Sitzbänke längst von einer lautstarken Rugby-Truppe besetzt sind. Wer richtig Hunger hat, bestellt sich rustikale Pub Pies mit dicker Bratensoße oder die obligatorischen Fish and Chips, die hier standardmäßig in Essig ertränkt werden. Das ist bodenständiges Soulfood für harte Wetterbedingungen.
Die bekanntesten Pub Gardens Englands
Wer diese Kultur auf Champions-League-Niveau erleben will, pilgert übrigens zu den Ikonen des Landes. Zum Beispiel in das The Grapes direkt an der Londoner Themse, das schon Charles Dickens inspirierte. Wer es maritim mag, trinkt sein Pint im The Pandora Inn in Cornwall auf einem fest verankerten Holzsteg, der bei Flut teilweise überschwemmt wird.
Am Ende geht es im Pub Garden eben nicht um Perfektion oder um bayerische Gemütlichkeitsstatuten. Es ist der nackte Trotz gegen das Wetter und den grauen Alltag. Ganz ohne Standesdünkel und Show – und oft ebenso wenig Style – einfach nur ein lauwarmes Bier in der Hand, die Nase in der spärlichen britischen Sonne und der feste Glaube daran, dass das hier gerade der schönste Sommer aller Zeiten ist.
In diesem Sinne: Cheers!


Suche







Leserbriefe (0)
Keine Leserbriefe gefunden!