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Wie mordete Agatha Christie?

Wie mordete Agatha Christie?

Über Gifte und einfallsreiche Tatwaffen

66 Kriminalromane, 144 Stories, 15 Theaterstücke, eine Gesamtauflage von mehr als 300 Millionen und Übersetzungen in über 100 Sprachen – das ist das Erbe von Agatha Christie, der unangefochtenen Queen of Crime. Eine Schatztruhe gefüllt mit großartigen Geschichten, die meisten davon Kriminalromane und Kurzkrimis. 

„Ich schrieb Geschichten wie andere junge Mädchen Kissenüberzüge stickten oder von Meißner Porzellan Blumensträuße kopierten …“, heißt es in ihrer Autobiographie Meine gute alte Zeit. Doch was war das Geheimnis ihres Erfolges, was die Würze ihrer Erzählungen? Unbestritten ist die Raffinesse, mit der sie das Verbrechen ausgerechnet in ganz alltäglichen und scheinbar belanglosen Situationen herauskitzelt. Sie kommen nicht mit dem großen Paukenschlag daher, sondern lauern hinter der nächsten Ecke oder sind verpackt in vermeintliche Banalitäten. Der Trick ist, dass Agatha Christie das Unmögliche möglich macht, und sie präsentiert darüber hinaus ihrer überraschten Leserschaft einen Mörder, mit dem niemand gerechnet hat. Aber es gibt noch eine weitere und nicht zu unterschätzende Feinheit, die diese brilliante Autorin anwendet und das ist die Kreativität, die sie beim Morden an den Tag legt. Lassen Sie uns gemeinsam das Waffenarsenal und die Giftvorräte von Agatha Christie erkunden. 

Alles kann zur Waffe werden

Wenn Agatha Christie einen Kriminalroman oder einen Kurzkrimi schrieb, kannte ihre Fantasie keine Grenzen. Ein Messer? Etwas banal vielleicht – die Schriftstellerin bediente sich lieber eines Skalpells (DerTod auf dem Nil) oder eines Stiletts mit edelsteinbesetztem Heft (Mit offenen Karten). Auch der gute alte Fleischspieß kam zum Einsatz. In Die Schattenhand bekommt Agnes einen Schlag auf den Kopf, bevor ihr ein Fleischspieß durch den Schädel gerammt wird. 

Natürlich wurde auch hin und wieder geschossen, das bleibt in einem Kriminalroman nicht aus. Colt und Mauser – gerne mit Schalldämpfer – fanden ihren Einsatz auf dem Nil und im Pfarrhaus. 

Beim Erdrosseln griff Agatha Christie vorzugsweise zu ungewöhnlichen Hilfsmitteln. Denken wir nur an die arme Gladys in Das Geheimnis der Goldmine, die einem Nylonstrumpf zum Opfer fällt und mit Wäscheklammer auf der Nase an einer Wäscheleine hängend aufgefunden wird. Alles, was lang, dünn und beweglich ist, wurde von der Schriftstellerin literarisch zur Mordwaffe umfunktioniert, sei es ein Gürtel (Die Morde des Herrn ABC oder im Theaterstück Die Mausefalle), ein Schal (Auf doppelter Spur) oder – und ja, das ist wirklich ungewöhnlich – die Saite einer Ukulele (Der Vogel mit dem gebrochenen Flügel aus Der Seltsame Mr Quinn).

Besonders einfallsreich agierte Agatha Christie in Die großen Vier. Der weiße Läufer eines Schachspiels ist in dieser Geschichte mit einem unter Strom stehenden Schachbrett und einer Leitung zu der darunterliegenden Wohnung verbunden. Ein Stromschlag, den der Schachmeister Garry Savaranoff nicht überleben kann, als er den Läufer auf das Feld b5 zieht und damit den elektrischen Schaltkreis schließt. 

Lady Camilla stirbt in Kurz vor Mitternacht durch eine Rückhand gegen ihren Kopf, denn der Tennisschläger ist am Griff mit einem Knauf des Kaminvorsetzer präpariert. Kaminzubehör schien Agatha Christie generell zu inspirieren, weshalb sie sich auch eines Schürhakens bediente. Darüber hinaus fand ein Briefbeschwerer eine neue Bestimmung, ebenso wie ein mit Sand gefüllter Sack und eine Bronzefigur, mit der Sir James in der Kurzgeschichte Die Mörder-Maschen erschlagen wird. Lassen Sie uns dazu Mr Sattersway hören. 

„Eine Venus“, sagte er leise. „Er wurde von einer Venus gefällt.“

Agatha und die Gifte

Gift war die erste Art zu morden, derer sich Agatha Christie bediente und das war naheliegend, da sie während des Ersten Weltkriegs in einer Krankenhausapotheke arbeitete. In ihrer Autobiographie schreibt sie: „Manchmal hatte ich nachmittags allein Dienst … Ich fing an zu überlegen, was für einen Kriminalroman ich schreiben konnte. Da ich von Giften umgeben war, war es vielleicht ganz natürlich, dass ich mich für Giftmord entschloss.“ Und so erlag Mrs Emily Inglethorp in Das fehlende Glied inderKette Strychnin, einem giftigen Alkaloid, das man in den Samen der Brechnuss findet. 

Das Lieblingsgift der außergewöhnlich Autorin dürfte allerdings Zyankali gewesen sein, denn sie verwendete es gleich mehrfach. Spannend daran ist der Geruch von bitteren Mandeln, der den Opfern – sofern sie früh genug gefunden werden – noch anhaftet. Einige Personen schlucken es in Agatha Christies Kriminalgeschichten ganz ahnungslos, denn mal ist das Zyankali im Champagner und mal im Tee. 

Aber auch Morphium war bei der Schriftstellerin beliebt, wenn es darum ging, jemanden zum Schweigen zu bringen. In Lauter reizende alte Damen wird Mrs Moody ihr Wissen zum Verhängnis und eine Überdosis sorgt dafür, dass sie es mit niemandem mehr teilen kann. 

Hatte ein Opfer indes ohnehin schon Herzprobleme, lag es nahe, ganz einfach das Herzmedikament einzusetzen. Digitoxin beeinflusst den Herzrhythmus – eine Überdosis verlangsamt den Puls gefährlich. Sehr ungünstig für den Herzpatienten, genau genommen tödlich. 

Kommen wir zu Strychnin, das bei Agatha Christie nicht nur tierischen Ratten den Garaus macht. Mr Appleton stirbt in Der seltsame Mr Quinn daran. Nikotin, Chloralhydrat, Blausäure, Skopolamin – all diese Gifte kommen bei der Queen of Crime zum Einsatz, um jemanden ins Jenseits zu befördern. 

Die weibliche Intuition

Agatha Christie mordete also überaus geschickt und einfallsreich, mit Raffinesse, manchmal auch subtil und wenig greifbar. Aber auch in Bezug auf die Aufklärung ihrer Fälle bediente sie sich vielmals einer ganz bestimmten Waffe und zwar der vielleicht Stärksten überhaupt: der weiblichen Intuition! 

Giles Reed ist in Ruhe unsanft beeindruckt von Miss Marples Lösung des Falles. „Wie haben Sie das bloß herausgefunden?“, fragte er sie. Miss Marple lächelte entschuldigend.  „Ich habe ein bisschen geklatscht. In den Läden – und beim Warten auf den Bus. Alte Damen gelten sowieso als neugierig. Ja, so erfährt man eine Menge davon, was hier passiert.“

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