Während das WLAN auf der Welt den Takt in Lichtgeschwindigkeit vorgibt, entdeckt eine neue Generation das Gegenteil: Hühner statt Hashtags, Vogelgezwitscher statt Großstadtlärm und Strandspaziergänge statt Smartphones. Autorin und Pferdefrau Callie Cole lebt in einem restaurierten Farmhaus mit Familie, Pferden und Garten. Sie zeigt, was viele längst ahnen: Frische Landluft, ein Garten voller Tiere und ein Haus (fast) ohne Technik können manchmal mehr Luxus bieten als jede Großstadtvilla.
Von Trends und Gegentrends
Jeder Trend produziert irgendwann seinen Gegentrend. Nach dem Ersten Weltkrieg folgten die Roaring Twenties, eine Dekade aus Jazz, Tanz und Lebenslust als Antwort auf vier Jahre Krieg und Entbehrung. In den 1960er-Jahren entstand die Hippie-Bewegung als Gegenentwurf zu Konsumgesellschaft, Vietnamkrieg und konservativen Moralvorstellungen. Auf die strengen Wirtschaftsjahre der Nachkriegszeit folgte in Europa der Überfluss der 1980er-Jahre.
Und heute, im Zeitalter von KI, Smart Homes und digitalem Dauerrauschen, wächst die Sehnsucht nach dem Gegenteil: weniger Bildschirm, mehr Erde unter den Fingernägeln. Während Algorithmen Texte schreiben und Staubsaugerroboter durch durchgestylte Wohnungen rollen, entdecken viele Menschen plötzlich wieder Handarbeit, Gartenbeete und Dinge, die Zeit brauchen.
Cottagecore ist genau dieser Gegenentwurf. Wer durch soziale Netzwerke scrollt, sieht inzwischen erstaunlich viele Menschen, die Hühnerställe bauen, Gemüsebeete anlegen oder lernen, wie man Marmelade einkocht. Was früher schlicht Alltag auf dem Land war, gilt heute plötzlich als Lifestyle.
Die Entstehung des Cottagecore-Trends
Der Begriff Cottagecore tauchte vor einigen Jahren zunächst online auf und verbreitete sich dann über Plattformen wie Instagram und TikTok. Gemeint ist eine ästhetische und zugleich praktische Rückkehr zu ländlichen Lebensformen. Alte Farmhäuser, Holztische, handgeschriebene Rezepte, selbstgebackenes Brot, Wäsche auf der Leine und Gummistiefel vor der Tür. Eine Welt, in der Dinge nicht perfekt sein müssen, sondern langsam und nachhaltig sein dürfen.
Eine der bekanntesten Vertreterinnen dieses Lebensstils ist Callie Cole. Die Autorin, Reiterin und Influencerin lebt mit ihrer Familie in einem von Grund auf restaurierten Farmhaus in Devon. Zum Alltag gehören dort Pferde im Stall (und gelegentlich auch im Wohnzimmer), Hühner im Garten, lange Ausritte über Felder und Wege, die am Ende häufig am oder sogar im Meer enden.
Cole dokumentiert dieses Leben seit Jahren für ein internationales Publikum. Ihre Bilder zeigen Kinder, die auf braven Pferden am Strand entlanggaloppieren, volle Bücherregale und Küchen, in denen Brot gebacken wird, während das Familienpony Karotten vom Esstisch stibitzt. Es ist eine Mischung aus Familienleben, Landwirtschaft und Naturerfahrung, die erstaunlich viele Menschen anspricht. Mittlerweile folgen ihr über eine Million Menschen.
Auch literarisch bleibt die 40-Jährige der Pferdewelt treu: Ihr neuer Roman Tangled Webs, der im Juli erscheint, spielt in Suffolk, einer Region mit langer Pferdetradition, zwischen alten Familienhäusern, weiten Heideflächen und dem Donner der Hufe.
Der Trend ist längst größer geworden
Callie Cole steht mit diesem Lebensentwurf längst nicht allein. In Großbritannien zeigen Persönlichkeiten wie Amanda Owen und Kate Humble seit Jahren ein Leben im Rhythmus der Natur – mit Gartenarbeit, Nutztieren und Selbstversorgung auf dem Land. Influencerin Leah Lane wiederum präsentiert auf ihrem Account My Mulberry House mit über einer Million Followern ihr English Country Life: eine Ästhetik irgendwo zwischen Narnia und Kate Winslets Ferienhaus aus dem Film The Holiday, mit Rosen am Fenster und Connemara-Pony im Garten. Was als Internetästhetik begann, ist längst ein echter Lebensstil geworden.
Der Reiz liegt dabei nicht nur in der Idylle. Cottagecore steht auch für eine Rückkehr zu praktischen Fähigkeiten und einem ruhigeren Lebensrhythmus. Dinge, die in einer Zeit, in der das Leben immer hektischer und teurer wird, plötzlich wieder an Bedeutung gewinnen. Selbstversorgung, Handwerk und der bewusste Umgang mit Zeit sind für viele weniger Romantik als vielmehr eine Form der Förderung psychischer und physischer Gesundheit.
Und wer jetzt Lust bekommen hat, aus einem dieser Gründe ein wenig Cottagecore ins eigene Leben zu holen, kann ja erstmal klein anfangen: mit einem Kräutertopf auf der Fensterbank, einem kleinen Apfelbaum im Garten oder dem selbstgemachten Sandwich statt des Brötchens vom Bäcker. Es muss ja nicht gleich das ganze Pferd in der Küche stehen.


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