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Zwischen Krone und Gefühl: Die Autorin Elisa Jakob über Queen Victoria

Zwischen Krone und Gefühl: Die Autorin Elisa Jakob über Queen Victoria

In diesem Interview erzählt Elisa Jakob, wie aus einem Abendspaziergang in Coburg die Idee zu ihrer Romanbiografie über Queen Victoria entstand – und warum sie die berühmte Monarchin nicht nur als Symbolfigur, sondern auch als Mensch zeigen wollte: leidenschaftlich, pflichtbewusst, widersprüchlich und erstaunlich modern. Es geht um die Recherche in Tagebüchern, in Schlössern und in Archiven, um kleine Details, die Geschichte lebendig machen, und um die Frage, welches Bild wir heute eigentlich von der viktorianischen Zeit im Kopf haben. Ihr Buch „Queen Victoria“ bieten wir aktuell bei uns an – hier geht es zum Buch!

Was war der Moment, in dem Sie wussten: „Ich schreibe über Queen Victoria“ – und nicht über eine andere historische Frau? Was fasziniert Sie an ihr?

Ehrlich gesagt kam mir die Idee vor knapp zwei Jahren in Coburg. Ich hatte dort eine Lesung aus meinem ersten Roman über Dian Fossey und spazierte im Anschluss abends über den schönen Marktplatz mit dem hell angeleuchteten Albert-Denkmal-Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha war Queen Victorias Ehemann. Dabei habe ich mich an Victorias berühmten Satz über dessen Geburtsschloss Rosenau erinnert:
Wäre ich nicht die, die ich bin, dann wäre dies mein richtiges Zuhause geworden, aber für mich wird es immer mein zweites sein

Da ich selbst einmal eine Weile in Coburg gewohnt habe, habe ich mich gefragt, weshalb eine so mächtige Frau angeblich lieber im beschaulichen Oberfranken gelebt hätte als in der Metropole London, mit allem Luxus und den Vergnügungsmöglichkeiten, die dort auch damals schon existierten. Und da mich das 19. Jahrhundert bereits im Studium fasziniert hat, entstand die Idee, eine Romanbiografie über Queen Victoria zu schreiben, die ihre besondere Liebe zu  Deutschland einbeziehen würde. Und glücklicherweise konnte ich auch meine Lektorin bei Piper von dieser Idee überzeugen.

Queen Victoria ist in ihrer Schilderung Privatmensch und Symbolfigur zugleich. Wie finden Sie beim Schreiben die Balance zwischen Menschlichkeit und Monarchie?

Beim Entwickeln der Szenen für den Roman habe ich mir immer wieder vorgestellt, wie sich Victoria speziell in ihrer Funktion als „Working Mom“ gefühlt haben muss - ein moderner Begriff, ich weiß, aber dennoch passend, wie ich finde. 

Victoria lebte beinahe lebenslang im Spagat zwischen ihren unterschiedlichen Rollen, einerseits öffentliche Figur, Herrscherin eines riesigen Weltreiches und Kirchenoberhaupt zu sein, andererseits aber auch Privatperson, d. h. liebende Ehefrau und Mutter von insgesamt neun Kindern, die in relativ kurzer Zeit zur Welt kamen. 

Was macht das mit einem Menschen, selbst in privaten, manchmal sogar intimen Momenten fast nie gänzlich unbeobachtet zu sein? Wenn jederzeit und unvermittelt die „Arbeit“ alle Aufmerksamkeit beanspruchen kann? Oder in die andere Richtung gedacht. Wenn in einem höchst offiziellen Moment wie z. B. dem Besuch der Weltausstellung plötzlich eines der Kinder „aus der Reihe tanzt“ und man vor aller Augen auch als Mutter gefragt ist.

Zum Glück hat Queen Victoria Zeit ihres Lebens akribisch Tagebuch und unzählige Briefe geschrieben, in denen sie häufig kein Blatt vor den Mund nahm. Es gibt zudem eine Vielzahl von Augenzeugenberichten über royale Begegnungen und so fand ich als Autorin bei meiner Recherche immer wieder kleine „Szenensplitter“, die ich in die Handlung eingefügt habe, um das einzigartige Spannungsfeld ihres Lebens auch für meine Leser:innen nachvollziehbar zu machen.

Welche verbreitete Vorstellung über Queen Victoria wollten Sie korrigieren oder richtigstellen?

Die viktorianische Epoche und besonders Queen Victoria gilt vielen Menschen als äußerst prüde und streng, doch bei meinen Recherchen hat sich mir ein anderes Bild offenbart. 

Vor allem als junge Ehefrau und Mutter war Victoria leidenschaftlich und sehr temperamentvoll. Sie liebte das Leben, lachte und tanzte gerne, spielte gemeinsam mit Albert Klavier und liebte zeitlebens das Theater. Anders als viele glauben, war sie persönlich wohl sehr sinnenfreudig und liebte insbesondere auch die körperliche Liebe mit ihrem attraktiven gleichaltrigen Ehemann. 

Und dass es im Schlafzimmer zwischen den beiden wohl ungewöhnlich harmonisch zuging, dafür gibt es genügend Belege. Und neun Kinder sind schließlich auch ein lebender Beweis. Obwohl man ehrlicherweise sagen muss, dass Victoria die vielen kurz aufeinanderfolgenden Schwangerschaften und die damit verbundenen Phasen ohne Sex ziemlich negativ empfand.

Victorias lebenslange Trauer um den so früh verstorbenen Mann an ihrer Seite - sie wurde mit nur 42 Jahren Witwe - spricht ebenfalls deutlich für echte romantische Liebe zwischen dem royalen Paar. 

Und wer sich ein solch lebensfreudiges Bild von Victoria angesichts all der bekannten Abbildungen der alternden und rundlich gewordenen Königin in schwarzer Witwentracht und strenger Haube nicht vorstellen kann, dem sei an dieser Stelle Franz Xaver Winterhalters berühmtes Boudoirbild der Königin empfohlen. 

Darauf sieht man eine junge, sinnliche Victoria mit nackter Schulter, offenem Haar, vollen Lippen und verführerischem Blick. Ein wunderschönes Gemälde, eigens für den geliebten Gatten als Geburtstagsgeschenk beauftragt und nur für seine Augen bestimmt!

Für ein Buch wie Ihres ist gründliche Recherche sicher extrem wichtig. Wie sah Ihr Rechercheprozess für dieses Buch konkret aus? Gab es besondere Herausforderungen?

Bei meinen Recherchen verlasse ich mich naturgemäß auf die ausgiebige Lektüre einer Vielfalt an Fachliteratur. Dazu gehörten neben englischsprachigen Originalquellen auch Victorias eigene Schriften, d. h. ihre Tagebücher und Briefe, die nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Dazu kam die Recherche vor Ort, vor allem in Schlössern, Bibliotheken und Archiven. 

Den Großteil des Jahres führe ich eine Art „Nomadinnen-Leben“ und reise gemeinsam mit meiner Hündin Naila, einem Australian-Sheperd-Mix, in unserer„rollenden Hundehütte“ durch Europa. Doch so reizvoll das vielleicht zunächst klingen mag, die Arbeit im rollenden Büro stellt mich doch immer wieder vor besondere Herausforderungen.

Bei „Queen Victoria“ war es vor allem die schwergewichtige Fachliteratur und meine Unmengen an verschiedenfarbige Karteikarten, die Platz auf dem Arbeitsplatz brauchten. Und Platz ist begrenzt in einem Transporter mit 5,40 m Länge.

Meine praktische Lösung war ein selbst verfasster Zeitstrahl auf einer großen Papierrolle, den ich bei Bedarf auf - und einrollen konnte. Darauf hatte ich, passend zu den verschiedenen Farben der Karteikarten, alle wichtigen weltpolitischen Ereignisse, aber auch ganz private Episoden aus dem Leben der Königsfamilie eingezeichnet, um den Überblick zu halten.

Gibt es einen Ort in Großbritannien, der Ihnen bei der Recherche besonders geholfen hat?

Ich möchte ehrlich gesagt keinen der wunderschönen britischen „Victoria-Orte“ hervorheben, die ich mir im Laufe vieler Jahre und diverser Besuche in GB ansehen durfte. Sie alle sind so unterschiedlich und jeder für sich reizvoll. 

Und auch die wunderschönen und bis heute mit dem britischen Königshaus verbundenen Orte in Deutschland sind wirklich sehenswert. Deshalb empfehle ich meinen Leserinnen und Lesern im Nachwort auch, dass sie sich am besten selbst auf Spurensuche machen sollten. Sie werden überrascht sein, wo man heute, 125 Jahre nach dem Tod von Queen Victoria, noch auf eindrucksvolle Spuren ihres Lebens stößt. 

Gab es ein Detail aus Tagebüchern, Briefen oder zeitgenössischen Berichten, das Sie besonders berührt oder überrascht hat?

Mir gefiel die manchmal schonungslose Offenheit, mit der Victoria geschrieben hat.  Die hat ihr nach ihrem Tod und der Veröffentlichung ihrer privaten Schriften zwar rückwirkend viel Kritik eingebracht und das öffentliche Bild der Verstorbenen für eine Weile belastet. Sie liefert Historiker:innen aber bis heute spannendes Material für die Forschung und aufschlussreiche Einblicke hinter die Kulissen der Weltpolitik.

Wenn sie beispielsweise ihrer ältesten Tochter Vicky, der preußischen Kronprinzessin und Mutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., in beinahe täglichen Briefen Anweisungen gibt, wie sich die junge Ehefrau am strengen preußischen Hof gegen die latent anti-englische Stimmung verwahren solle und dabei auch politische Akteure mit Namen benennt, dann fand ich das besonders spannend nachzulesen.

Gab es beim Schreiben Momente, in denen Sie sich Queen Victoria besonders nah gefühlt haben?

Mir fiel es immer besonders leicht, Queen Victoria in den eher familiären Szenen zu zeigen und bei Dingen, die ich aus meinem eigenen Leben gut nachfühlen konnte.

Wenn sie beispielsweise mit den Kindern in der Bibliothek des Buckingham Palastes eine Art royaler Geografiestunde abhält und ihnen dabei die Geschichte des Koh-i-Noor erzählt, eines berühmten Diamanten aus Indien, der 1851 der Publikumsmagnet der Great Exhibition war, der allerersten Weltausstellung im Londoner Hyde Park. 

Oder die Szene im Prolog, wenn die königliche Familie beim Schmücken des Weihnachtsbaumes gemeinsam Spaß hat und plötzlich der Premierminister unerwartet um Audienz bittet und die häusliche Idylle von beruflichen Verpflichtungen gestört wird.

Wie sieht ein typischer Schreibtag bei Ihnen aus?

Wie gesagt, ich lebe und reise mit Hund und Camper, d. h. unsere Tage sind nicht immer gleich und auch die Bedürfnisse meiner kleinen Fellnase wollen beachtet sein. 

Wenn wir unterwegs sind, dann machen wir ganz in der Früh meist einen längeren Spaziergang, danach gibt es Frühstück und dann arbeite ich ab ca. 9 Uhr für ein paar Stunden, meist bis 14-15 Uhr. Ich merke eigentlich immer, wenn Naila der Meinung ist, jetzt sei Pause angesagt. 

Dann drehen wir eine große Runde, am liebsten natürlich am Strand oder über freies Gelände, denn dort kann Naila ihren Bewegungsdrang austoben. Anschließend setze ich mich häufig noch mal an den Schreibtisch und bearbeite Mails, recherchiere etwas online oder kümmere mich um die Pflege meines Social Media Accounts. Letzteres fällt mir zugegebenermaßen schwer, denn es raubt mir Zeit, die ich lieber zum Schreiben verwenden würde. Gehört für Autor:innen heutzutage aber leider wohl dazu.

Und abends nach der Abendrunde lese ich dann meist noch etwas privat oder schaue mir online eine Serie oder einen Film an.

Sie gestalten Lesungen als „Royal Teatime“ und treten im viktorianischen Kostüm auf. Was verändert dieses Setting an der Begegnung mit Ihrem Publikum?

Bereits bei den ersten Veranstaltungen nach Erscheinen des Buches habe ich den Eindruck gewonnen, den Leuten gefällt meine Form von „Edutainment“, d. h. eine Kombination aus Education und Entertainment.

Die Zuhörer:innen haben offensichtlich Spaß daran, meiner Einladung zu einer Zeitreise in die Viktorianische Epoche zu folgen und vielleicht fällt es ihnen leichter, wenn sie mich in meinem weiten Krinolinenrock, dem engem Mieder, Spitzenhandschuhen, Schirm und Schutenhut sehen, wer weiß?

Und das königliche Vergnügen wird perfekt, wenn die Veranstalter mit einem echten englischen Afternoontea aufwarten und den Gästen Tee, Scones, Clotted Creme und Konfitüre und vielleicht sogar Sandwiches serviert. Probieren Sie es selbst aus!

Was sollten Leserinnen und Leser nach der Lektüre über Queen Victoria möglichst für sich mitnehmen?

Ich würde mich freuen, wenn meine Leserschaft durch die Lektüre ein wenig näher an die berühmte englische Königin heranrücken kann und ihnen Victoria sowohl als verwundbarer Mensch wie auch als souveräne Regentin begegnet. Jemand, dessen Haltung, Disziplin und Pflichtbewusstsein Vorbildcharakter hatte, nicht nur für ihre Zeitgenossen. 

Und ich hoffe wirklich, dass die von mir gewählte Kombination aus faktentreuer Darstellung, erzählerischer Freiheit und emotionaler Nähe die Lektüre unterhaltsam und inspirierend macht.

Welche „typisch britische“ Kleinigkeit z. B. aus Alltag, Etikette oder Sprache, hat es in Ihr Buch geschafft?

Da fällt mir spontan die Redewendung I´m going to spend a penny ein, die ihren Ursprung auf der Great Exhibition von 1851 hatte. 

Wegen des erwarteten großen Besucherandrangs - letztlich waren es 6 Millionen - wurden im berühmten Crystal Palace eigens neuartige Toilettenanlagen mit Wasserspülung installiert. Die ersten öffentlichen Wasserklosetts überhaupt in Großbritannien. Deren Benutzung kostete einen Penny, doch dafür bekam man auch einen sauberen Toilettensitz, mit Handtuch, Kamm und Schuheputzen. 

Und seither bringt diese ungewöhnliche Redensart umgangssprachlich das Bedürfnis zum Ausdruck, dass man auf die Toilette muss.

Gibt es eine historische Frau oder eine Epoche, zu der es Sie als Nächstes besonders hinzieht?

Ja, die gibt es. Wenn ich nur eine Frau nennen müsste, über die ich gerne schreiben möchte, dann wäre es wohl Queen Victorias gleichnamige älteste Tochter Victoria, von der Familie zur besseren Unterscheidung mit der Mutter nur Vicky genannt.

Im schicksalhaften deutschen „Dreikaiserjahr“ 1888 war Vicky an der Seite ihres bereits todkranken Ehemannes Friedrich III. für 99 Tage lang Deutsche Kaiserin, bevor ihr ältester Sohn als Kaiser Wilhelm II. den Thron bestieg und das Unheil seinen Lauf nahm. 

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