„Once again / Do I behold these steep and lofty cliffs [...] / O sylvan Wye! thou wanderer thro' the woods“
Aus dem Gedicht „Lines Composed a Few Miles above Tintern Abbey,“ von William Wordsworth
Als William Wordsworth diese Zeilen im Jahr 1798 schrieb, war er bereits zum zweiten Mal dem Zauber des Wye Valleys erlegen. Für ihn waren diese „steilen und hohen Klippen“ und der „waldreiche Wye, dieser Wanderer durch die Wälder“ ein Rückzugsort, der ihm selbst im Lärm der fernen Städte Kraft gab. Auch heute noch ist das Wye Valley genau das: eine Landschaft, die zu den geschichtsträchtigsten Regionen Großbritanniens zählt.
Entlang der Grenze zwischen Wales und England schlängelt sich der River Wye durch dichte Wälder, vorbei an Kalksteinfelsen und weiten Wiesen. Besonders der untere Abschnitt des Tals steht als „National Landscape“ (früher „Area of Outstanding Natural Beauty“) unter besonderem Schutz. Der Fluss selbst ist einer der längsten des Vereinigten Königreichs; er entspringt im rauen Moorland von Mittelwales und mündet bei Chepstow in den Severn.
Zwischen Flussschleifen und Ruinen
Der Weg durch diese Grenzregion lässt sich ideal in Etappen unterteilen. Ein absoluter Pflichtstopp ist Tintern. Die Ruinen der Tintern Abbey liegen unmittelbar am Flussufer und bilden mit ihrer filigranen gotischen Architektur vor den bewaldeten Hängen ein Motiv, das schon vor 200 Jahren die Romantiker faszinierte. Weiter nördlich, in Symonds Yat, kann man kleine Boote direkt am Ufer beobachten oder den kurzen Aufstieg zum Yat Rock wählen, um den Blick auf die markante Flussschleife zu genießen.
Wer die Region lieber vom Wasser aus erlebt, nutzt eine der vielen Kanustrecken. Besonders rund um die Stadt Monmouth finden sich zudem wunderbare Aussichtspunkte wie der Kymin, ein kleiner Hügel mit einem historischen Rundhaus und einem Marinetempel aus dem 18. Jahrhundert, der einen weiten Ausblick über die Grafschaft Monmouthshire bietet.
Charaktervolle Orte am Flusslauf
Das Tal wird durch Dörfer geprägt, die oft eine ganz eigene Atmosphäre bewahrt haben. Das stille Newland am Rand des Forest of Dean ist bekannt für seine „Cathedral of the Forest“: eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die offiziell „All Saints Church at Newland“ heißt und direkt gegenüber dem traditionsreichen Pub „The Ostrich Inn“ liegt. Flussabwärts erstreckt sich Redbrook über beide Seiten der Grenze; ein ehemaliges Eisenbahnviadukt dient hier heute als Fußgängerbrücke zum walisischen Ufer, wo das urige „The Boat Inn“ mit seinem Terrassengarten direkt am Wasser zur Rast einlädt.
Die Marktstadt Ross-on-Wye thront auf einem Sandsteinfelsen über dem Fluss und ist neben ihren Antiquitätenläden vor allem für eine kulinarische Besonderheit bekannt: den Wye Valley Asparagus. Der grüne Spargel profitiert vom milden Mikroklima der Region; seine Saison im April und Mai gilt als echtes Highlight im britischen Kalender. Am oberen Rand des Flusslaufes bildet die berühmte Bücherstadt Hay-on-Wye mit ihren unzähligen Antiquariaten den Abschluss einer Route durch die Gegend.
Auf den Spuren der Kunst
Dass das Tal heute so berühmt ist, verdankt es auch Künstlern wie Wordsworth oder J.M.W. Turner, die die Magie dieser Landschaft in Skizzen und Versen festhielten. Während viele dieser Werke heute in den großen Londoner Galerien wie der Tate Britain hängen, sind einige dorthin zurückgekehrt, wo sie einst entstanden.
Ein schöner Tipp für einen Museumsbesuch vor Ort ist das Chepstow Museum. Dort ist ein Aquarell von Chepstow Castle zu sehen, das Turner schon 1794 als junger Mann malte. Besonders faszinierend: Nach über 200 Jahren ist das Bild wieder genau an den Ort zurückgekehrt, der Turner einst inspirierte. Es lädt förmlich dazu ein, selbst an das Flussufer zu treten und den Ausblick auf die Burg zu genießen.


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