Auf den ersten Blick wirkt es fast ein wenig unscheinbar und Wallingford mit seinen ungefähr 8000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist vermutlich auch nicht der erste Ort, der einem bei dem Gedanken an Großbritannien in den Sinn kommt, aber er ist berühmter, als man zunächst glauben mag. Liebe auf den zweiten Blick ist hier definitiv möglich.
Ross Antony, bekannt als Moderator und Sänger, führte eine Zeitlang gemeinsam mit seinem Mann Paul Reeves die Bed-and-Breakfast-Pension Little Gables in Wallingford und auch der Schauspieler Marcus Harris lebt und arbeitet hier – Ende der 70er-Jahre spielte er den Julian in der Serie FünfFreunde. Wallingford selbst wurde in Folgen des Midsomer Murders (Inspector Barnaby) zum Drehort. In der dritten Folge geschieht beispielweise ein Mord auf einer Theaterbühne. Diese Szene wurde in Wallingford gedreht.
Den größten Ruhm verdankt das etwa acht Quadratkilometer große Fleckchen Erde im Süden der Grafschaft Oxfordshire aber sicherlich seiner berühmten Einwohnerin Agatha Christie, die hier von 1934 bis zu ihrem Tod im Jahr 1976 gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Max Mallowan ihren Hauptwohnsitz in Winterbrook House hatte, einem schmucken Gebäude aus dem 17. Jahrhundert mit hübschem Garten und Nähe zum Fluss.
Wohnort mit Vorteilen
Max Mallowan liebte die Gegend rund um Oxford. Wallingford liegt nur 25 Kilometer von Oxford entfernt, was nahezu ideal war, da Max häufig nach Oxford fuhr, um dort zu recherchieren. Auch London konnte von ihm und Agatha gut erreicht werden – ein weiterer Pluspunkt.
Was letztendlich aber wohl noch mehr bestach als die Lage, war die Unaufgeregtheit des kleinen Örtchens. Die Bewohnerinnen und Bewohner ließen Agatha in Frieden und respektierten ihre Privatsphäre, deren Schutz ihr stets immens wichtig war. So konnte Agatha durch die Geschäfte am Marktplatz schlendern und zum Friseur gehen, ohne ununterbrochen angesprochen zu werden. Lebensmittel ließen sich die Mallowans meist liefern. Das Paar liebte die Ruhe und genau diese fand es in Wallingford.
Den entscheidenden Ausschlag gab aber das Haus selbst, denn Winterbrook House hatte es Agatha und vor allem Max angetan.
Das Haus
In ihrer Autobiografie schrieb Agatha Christie über Winterbrook House:
„Es war ein reizendes kleines Haus im Queen-Anne-Stil, etwas nahe an der Straße, aber dahinter lag, was Max schon immer als Ideal vorgeschwebt hatte, eine sanft zum Fluss abfallende Fläche. Es hatte fünf Schlafzimmer, drei Wohnzimmer und eine bemerkenswert schöne Küche …“
Winterbrook House wurde zwar nicht zum einzigen Wohnsitz, dafür aber zum Hauptwohnsitz der Mallowans. Hier konnte Agatha am Fluss entlangspazieren und in aller Ruhe schreiben, sei es im Haus oder im Garten. Heute befindet sich Winterbrook House in Privatbesitz und kann daher nicht besichtigt werden, aber ein kleines, blaues Schild erinnert an seine berühmte ehemalige Besitzerin und ihren Ehemann. Das Haus liegt an der Reading Road und ist vom Marktplatz aus bequem zu Fuß erreichbar.
Museum
Die Queen of Crime ist bis heute allgegenwärtig in Wallingford. Der Bildhauer Ben Twiston-Davies hat ihr sogar direkt vor dem Wallingford-Museum in der High Street eine bleibende Erinnerung geschaffen, denn dort sitzt Agatha Christie seit 2023 in Lebensgröße auf einer Bank und blickt versonnen in die Ferne. Auf ihrem Schoß liegt ein Buch. Einer ihrer Finger, der zwischen den Seiten steckt, imitiert das Lesezeichen. Oft kommen Menschen, setzen sich neben die Figur und lassen sich mit ihr fotografieren.
Im Museum selbst bekommt man im Rahmen der Dauerausstellung „At Home with the Queen of Crime“ Einblicke in das Leben von Agatha Christie in Wallingford, denn obwohl sie eher zurückgezogen lebte, besuchte sie beispielsweise regelmäßig die örtlichen Theateraufführungen.
Das Museum ist von März bis November an den Nachmittagen geöffnet. Rund um den Geburtstag von Agatha Christie am 15. September gibt es ein vom Museum organisiertes Murder Mystery Weekend mit zahlreichen Veranstaltungen.
Letzte Ruhe
Friedlich und weitläufig ist der Friedhof der St Mary Church in Cholsey. Vom Museum in Wallingford aus kann man Kirche und Friedhof über einen Wanderweg erreichen, wenn man nicht mit dem Auto fahren möchte. Die beiden Orte liegen nur etwa drei Kilometer auseinander.
Man muss ein bisschen suchen, bis man das Grab von Agatha Christie findet, dabei könnte seine Lage eigentlich nicht passender sein. Denn die, die nie im Mittelpunkt stehen wollte und die insbesondere in ihren letzten Lebensjahren kaum etwas mehr schätzte, als Ruhe und Abgeschiedenheit, hat ihre letzte Ruhestätte im Jahr 1976 in der äußersten Ecke des Friedhofs nahe einer kleinen, rötlichen Mauer gefunden. Max folgte ihr zwei Jahre später. Immer noch zieren regelmäßig frische Blumen und Bilder den hellen Grabstein und zeigen, dass dieser Ort auch fünfzig Jahre nach dem Tod von Agatha Christie noch Menschen anzieht. Man fühlt sich seltsam ergriffen, wenn man auf die Inschrift blickt und es erscheint einem beinahe surreal, dass diese für uns doch irgendwie unsterblich anmutende Frau hier beerdigt sein soll.
Und dennoch lebt sie weiter, in unseren Herzen und in ihren großartigen Geschichten. Wallingford trägt viel dazu bei, Agatha Christie ein würdiges Andenken zu bewahren. Fans der Queen of Crime sollten bei ihrer nächsten Englandreise unbedingt hier vorbeikommen. Wallingford ist ein Ort, den man gesehen und vor allem erlebt haben sollte.


Suche






Leserbriefe (0)
Keine Leserbriefe gefunden!