Mitten im pulsierenden London, nur wenige Schritte vom Trafalgar Square entfernt, steht eine Kirche, die viel mehr ist als ein beeindruckendes Bauwerk: St Martin-in-the-Fields. Vor 300 Jahren wurde sie erbaut – und seit ebenso vielen Jahren stehen ihre Türen offen. Für Könige und Politiker ebenso wie für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Nun ist dazu in der Krypta eine ganz besondere Ausstellung eröffnet worden: Das Projekt „Stories Behind the Stones“ holt Geschichten von Menschen wieder ans Licht, deren Spuren beziehungsweise deren Namen man auf den vielen Gedenksteinen an den Wänden und im Boden der Krypta noch heute erkennen kann. Dazu gehören etwa Mitglieder einer Familie von Schornsteinfegern, unter ihnen einer der frühesten dokumentierten schwarzen Wähler Großbritanniens. Oder ein 19-jähriger junger Mann, bei dem Historiker vermuten, dass er versklavt worden war.
Felder, Könige und Architektur
Der Name der Kirche erinnert an eine Zeit, als London noch ganz anders aussah. Als die Kirche 1726 fertiggestellt wurde, lag sie tatsächlich „in den Feldern“ – außerhalb des dicht bebauten Stadtzentrums. Heute ist von dieser ländlichen Umgebung nichts mehr zu sehen. St Martin-in-the-Fields steht direkt am Trafalgar Square und ist seit Jahrhunderten eng mit dem politischen und kulturellen Leben der Stadt verbunden. Als Pfarrkirche der königlichen Familie und der Admiralität fanden hier einst auch Menschen aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft ihren Platz. Entworfen wurde die Kirche vom Architekten James Gibbs. Seine neoklassizistischen und barocken Formen machten St Martin-in-the-Fields zu einem Vorbild für zahlreiche Kirchen in Neuengland. Doch vielleicht ist es nicht die Architektur, die diesen Ort so besonders macht, sondern seine Haltung: eine Kirche, die sich immer wieder den Menschen zugewandt hat.
Nächstenliebe mitten in London
St Martin-in-the-Fields hat nämlich eine lange Tradition der Nächstenliebe. Die Türen dieser Kirche sind seit jeher offen für Menschen in Not, für Obdachlose und Ausgegrenzte. Die Krypta ist mit der Zeit zu einem sozialen Treffpunkt geworden, und bis heute verbindet die Gemeinde Gottesdienst mit konkreter Hilfe. Dort lädt das beliebte Café „In the Crypt" zu Jazzabenden und kostenlosen Mittagskonzerten ein. Kultur, Begegnungen und soziale Verantwortung gehören hier ganz selbstverständlich zusammen. Und St Martin’s war dabei schon sehr früh erstaunlich pionierhaft. Die Kirche gehörte so zu den frühen Anwendern neuer Technologien – vom Gaslicht über elektrisches Licht bis zum Radio und später zum Livestream. Schon in den 1890er-Jahren wurden Gottesdienste über das damalige Telefonsystem Electrophone übertragen.
Zwischen Protest und Hoffnung
Auch politisch war St Martin’s immer wieder ein Ort, an dem Menschen ihre Stimme erhoben. Die Stufen vor der Kirche wurden insbesondere während der Anti-Apartheid-Proteste der 1980er-Jahre zu einem bekannten Treffpunkt. In der Ausstellung erinnert zudem der originale Türgriff von 1726 an den Namenspatron der Kirche. Er zeigt den heiligen Martin, einen römischen Soldaten, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Dieser geteilte Mantel ist das perfekte Symbol für die ganze Geschichte von St Martin’s. Neben der Vitrine mit dem Türgriff hängt das Lampedusa-Kreuz, gefertigt aus dem Holz eines Flüchtlingsbootes, das 2013 vor der italienischen Insel sank.
Eine Vision mit Zukunft
Der frühere Pfarrer Dick Sheppard hatte 1914 eine Vision von St Martin’s. Er sah Menschen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit durch die Türen kamen – erschöpft, verloren und auf der Suche nach einem Ort, an dem sie willkommen waren. Seine Vorstellung wurde zum Leitgedanken der Gemeinde: eine Kirche der offenen Türen. Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz von St Martin-in-the-Fields. Wer heute durch London streift und St Martin's betritt, findet zunächst eine elegante, traditionsreiche Kirche mitten im Stadtzentrum. Wer genauer hinsieht, entdeckt dahinter aber eine Geschichte von Nächstenliebe, Protest, Erfindungsgeist und menschlicher Wärme.
Für diejenigen, die nicht gleich nach London reisen können, ermöglicht das Internet einen Blick hinter die Kulissen. Die Ausstellung ist nämlich digital zugänglich. Wer jedoch vor Ort ist, sollte sich Zeit nehmen: für die Kirche, für die Krypta, für einen Kaffee – und vielleicht für ein Brass Rubbing: Dabei reibt man Wachskreide über Papier, das auf einer gravierten Messingplatte liegt – ein klassisch britischer Zeitvertreib und ein schönes Souvenir.
Hier geht es zur Online-Version der Ausstellung: „Stories Behind the Stones“!


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