König Charles und seine Flower-Power-Seele
In dieser Doku erlebt man König Charles ungewöhnlich persönlich. „Finding Harmony: A King’s Vision“, erzählt von Kate Winslet, zeigt ihn nicht als Monarchen zwischen Kutschen und Kronleuchtern, sondern als einen Mann, der seit Jahrzehnten über Natur, Architektur, Landwirtschaft, Kunst und Design nachdenkt. Und der ziemlich klar sagt, dass er sich von Kritik nie von seinem Weg abbringen ließ.
Ein Film über Überzeugungen
Im Zentrum steht seine Idee von „Harmony". Charles formuliert es im Film selbst so: Wir seien „ein Teil von ihr, nicht getrennt von ihr". Das klingt zunächst schlicht, erklärt aber ziemlich genau, worum es ihm seit Jahrzehnten bei Landwirtschaft, Gärten, Stadtplanung, Handwerk und Baukultur geht.
Interessant wird der Film dort, wo er deutlich macht, wie früh Charles mit diesen Themen dran war. Man sieht ihn als 21-Jährigen in einer Rede von 1970, in der er sich für den Umweltschutz einsetzt. Die Stimme klingt noch vorsichtig, die Haltung ist dennoch schon erstaunlich klar. Charles sagt im Film auch, dass viele seine Ansichten lange Zeit für verrückt hielten. Heute wirken manche davon nicht mehr exzentrisch, sondern fast unangenehm aktuell.
Dumfries House, Highgrove und „Cluckingham Palace“
Ein großer Teil des Films widmet sich der Frage, wie Charles seine Ideen in konkrete Projekte umgesetzt hat. Das Dumfries House in Ayrshire ist nicht nur ein restauriertes Anwesen, sondern auch ein Ausbildungszentrum in einer Region, die nach dem Ende des Kohlebergbaus wirtschaftlich schwer zu kämpfen hatte. Laut dem Film werden dort jährlich 10.000 Menschen ausgebildet. Das ist einer der stärkeren Punkte der Doku, weil sie seinen Natur- und Harmoniebegriff nicht nur als ästhetische Vorliebe darstellt, sondern auch als soziales Projekt.
Highgrove erscheint wiederum als Labor für organische Gärtnerkunst und nachhaltige Landwirtschaft. Man sieht Charles, wie er Hühner füttert und im Hühnerhaus „Cluckingham Palace“ Eier einsammelt. Gerade solche Szenen verleihen dem Film seinen Charme. Sie zeigen Charles nicht als entrücktes Staatsoberhaupt, sondern als jemanden, der diese Dinge nicht nur vertritt, sondern seit Jahrzehnten konsequent lebt.
Vom Sanctuary zum Harmony Summit
Auch spirituelle und religiöse Fragen spielen in die Doku hinein. Zu sehen ist der Außenbereich seines privaten Rückzugsorts, den er selbst als „sanctuary“ bezeichnet. Über der Tür hängt ein Gebet. Außerdem gibt es Szenen von einem „Harmony Summit“, bei dem Charles gemeinsam mit indigenen Vertretern an einer Feuerzeremonie teilnimmt. Damit wird klar, dass „Harmony“ bei Charles keine Gartenromantik ist, sondern ein umfassender Begriff. Umwelt, Religion, Architektur, Kunst, Handwerk und Gemeinschaft gehören für ihn zusammen.
Der Film verdeutlicht auch, was er ausdrücklich nicht sein will. Laut BBC erklärte ein Sprecher des Königs, es handle sich um eine andere Art von royaler Dokumentation, ohne Goldkutschen und funkelnde Kronen. Das trifft es ziemlich gut. „Finding Harmony“ interessiert sich weniger für höfische Inszenierung als für die Frage, was Charles über Jahrzehnte angetrieben hat. Dadurch wirkt der Film persönlicher als viele klassische Royal-Produktionen, auch wenn er natürlich ein sehr sorgfältig kontrolliertes Porträt bleibt.
Ein König mit Flower-Power-Seele
Dass Charles im Film sogar als „a bit of a hippie“ beschrieben wird, gehört zu den treffendsten Momenten der Doku. Ganz abwegig ist das nicht. Er kommt aus einer Generation, die die 1960er-Jahre erlebt hat, und viele seiner Themen passen erstaunlich gut zu diesem Geist: Naturverbundenheit, Skepsis gegenüber blindem Fortschritt, Respekt vor Handwerk, Spiritualität, Gemeinschaft. Bei Charles wirkt das allerdings nicht wie eine modische Pose, sondern wie eine Haltung, an der er auch dann festhielt, als sie noch deutlich weniger anschlussfähig war.
Die Premiere in Windsor
Die Premiere fand in Windsor Castle statt, genauer gesagt in der Waterloo Chamber, die dafür erstmals in ein Kino verwandelt wurde. König Charles und Königin Camilla waren dort ebenso anwesend wie Judi Dench, Rod Stewart, Kenneth Branagh und Stanley Tucci.
Und wie so oft bei Charles erzählen die kleinen, leicht skurrilen Details viel mehr als die großen Sätze. Im Film spricht er etwa über Kartoffeln und empfiehlt für die perfekte Baked Potato die Sorte Red Duke of York, weil ihre Schale besonders knusprig wird. Gerade in solchen Momenten wirkt die Doku weniger wie eine glatt polierte PR-Produktion als vielmehr wie ein Blick auf einen Mann, der sich seit Jahrzehnten tatsächlich mit Dingen beschäftigt, die andere vielleicht als Nebensache abtun.
Gerade das macht „Finding Harmony“ so sehenswert. Der Film stellt Charles nicht nur als entfernte Figur dar, sondern als jemanden, der über viele Jahre hinweg an denselben Fragen festhielt, auch wenn er dafür belächelt wurde. Heute erscheint vieles daran weniger schrullig als vorausschauend. Die schönste Pointe dieser Doku liegt vielleicht genau darin: Ausgerechnet König Charles, oft als altmodisch und eigenwillig beschrieben, wirkt hier plötzlich wie ein naturverbundener, kunstsinniger Hippie im Tweed-Jackett.


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