Wer durch den alten Teil von Windsor schlendert, trifft unweigerlich auf eines der meistfotografierten Gebäude der gesamten Stadt. Das Market Cross House, auch bekannt als Crooked House of Windsor (schiefes Haus von Windsor) macht seinem Namen alle Ehre. Denn es wirkt so, als würde es jeden Moment umfallen. Doch das Gebäude steht schon seit 1718 unerschütterlich an derselben Stelle, nämlich unmittelbar neben dem benachbarten Guild House.
Streit um das Baurecht
Es kursieren einige Legenden und Geschichten, warum es so schief ist - dazu später mehr. Doch warum es genau an dieser eher ungünstig erscheinenden Stelle steht, ist bestens belegt und liest sich wie eine Posse, die so auch heute hätte passieren können.
Das Ganze begann am 18. Februar 1718, als der Metzger Silas Bradbury ein altes Haus dicht neben der Guildhall abreißen ließ, um an derselben Stelle ein neues Gebäude zu errichten. Der Abriss ging schnell und die Arbeiter machten sich sofort daran, das neue Fundament auszuheben.
Das stieß auf den massiven Widerstand des Stadtrats und des Bürgermeisters Thomas Rutter. Denn der Rat war der Meinung, das Grundstück gehöre zum Gemeindeland des Boroughs und dort dürfe kein neues Gebäude errichtet werden. In den Ratsprotokollen hieß es, Silas Bradbury könne angeblich keinen rechtmäßigen Eigentumsnachweis erbringen, weshalb die Stadt anordnete, die bereits ausgehobenen Fundamente umgehend wieder zuzuschütten.
Bürgermeister Rutter setzte den Beschluss sofort mit aller Härte durch. Er erzwang einen Baustopp und drohte Bradburys Arbeitern sogar mit Gefängnis. Zudem ließ er den Zugang zum Grundstück mit Zäunen versperren.
Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit Folgen
Doch Silas Bradbury ließ sich von diesem Getöse nicht abhalten. Vielmehr ließ er sich juristisch beraten und siehe da: Die Rechtslage war eindeutig. Ein Bericht des Juristen H. Page belegte, dass Silas Bradbury ein unbestreitbares Eigentumsrecht besaß. Denn das Grundstück war bereits 1656 von seinem Urgroßvater als Metzgerei und Wohnhaus erworben worden. Juristisch gesehen waren die Maßnahmen des Bürgermeisters deshalb illegal. Silas Bradbury wurde von H. Page dazu ermutigt, eine Klage wegen Hausfriedensbruchs einzureichen und die Zäune wieder zu entfernen, um die Bauarbeiten fortzusetzen.
Der Rechtsstreit zog sich jedoch bis in den Sommer. Erst im Juli 1718 endete die Auseinandersetzung vor Gericht mit einem Sieg für Bradbury. Die Stadt musste ihm 23 Pfund für Schäden und Anwaltskosten zahlen, was damals ein enorm hoher Betrag war.
Warum das alles?
Die Gründe für das unnachgiebige Verhalten des Rats lassen sich nur vermuten. Das Gebiet hinter der Guildhall wurde bereits seit dem Mittelalter von den Metzgern der Stadt genutzt. Der Bereich, in dem ihre Verkaufsstände standen, war als „The Shambles“ bekannt und bestand noch bis ins 19. Jahrhundert. Vor 1689, als das Guildhall gebaut wurde, stand die Metzgerei nicht ganz so dicht neben einem großen öffentlichen Gebäude. Das elisabethanische Markthaus, das für den Bau des Guildhall abgerissen wurde, lag etwas weiter südlich.
Die Legenden der Schieflage
Ob zu nah oder nicht, nach dem Sieg vor Gericht wurde das schmale Fachwerkhaus schließlich errichtet. Manche erzählen, dass es zu hastig gebaut wurde und das verwendete Holz zu frisch war. Deshalb trocknete es ungleichmäßig, weshalb es angeblich zur Schieflage kam. Oder lag es vielmehr an den schmalen Proportionen und der Tatsache, dass es keine Nachbarn hatte, weshalb sich das Fachwerkhaus so neigte? Eine weitere Legende behauptet, dass das Gebäude in Erinnerung an den alten Streit mit der Stadtverwaltung die Guildhall möglichst weit von sich fernhalten wollte und sich deshalb abwendete.
Eine touristische Kuriosität
Heute besticht das schiefe Haus durch eine Architektur, die eher dem 16. als dem 18. Jahrhundert entspricht. Zusammen mit dem Standort, der Schieflage und der kuriosen Geschichte ist es kein Wunder, dass das Häuschen heute eine echte Attraktion ist - und ein so beliebtes Fotomotiv darstellt.
Wie eh und je ist das Haus zudem für die Öffentlichkeit geöffnet - heute nicht mehr als Metzgerei, sondern als Café. Und die Betreiber haben offensichtlich großes Vertrauen in die Statik, denn zu Tee und Gebäck werden nach wie vor keine Baustellenhelme gereicht.


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