Die feine englische Art

Fair geht vor


Fair geht vor - auch beim Cricket

„That's not fair!“ – eine schlimmere Kritik kann es in England kaum geben. In keiner anderen Kultur ist Fairplay so wichtig wie hier. Das zeigt sich im Alltag an ganz banalen Dingen wie dem Schlangestehen. Vordrängeln („queue jumping“) ist eine Todsünde und wird Blicken der Variante „tödlich“ quittiert. Ob jemand allerdings etwas sagt, das steht auf einem anderen Blatt. Dazu ist man dann wiederum zu höflich.

Auch die guten Tischmanieren, zu denen die meisten englischen Kinder immer noch erzogen werden, haben hier ihren Ursprung: Niemand soll zu kurz kommen, wir fangen alle gemeinsam an, Herunterschlingen gehört sich nicht, und am Ende bleibt ein Kuchenstückchen über, das wir einander mehrfach wechselseitig anbieten. Wie wichtig Fairness ist, spiegelt sich auch in der Alltagssprache. Mit „well, to be fair“ lassen sich beliebige Sätze einleiten, „in all fairness“ passt fast immer und „fair enough“ heißt so etwas wie „schön und gut“ oder lässt sich auch problemlos unterbringen.  

Dass gerade die Engländer so viel Wert auf Fairness legen, hat sicher mit ihrer Sportbegeisterung zu tun. Im Sport hält man sich erstens an Regeln, das ist ja klar, sonst endet das im Chaos. Aber man lacht auch nicht über die Verlierer. Wer je ein englisches Tennisspiel beobachtet hat, merkt schnell, dass die Sympathien des Publikums oft beim schwächeren Spieler liegen. Er oder sie bekommt besonders viel Beifall, wenn doch mal ein Schlag gelingt, und Trostklatschen, wenn es wieder danebengeht. Da der Favorit oder die Favoritin aber nicht das Gefühl bekommen soll, das Publikum komplett gegen sich zu haben, muss auch hier in passender Dosis applaudiert werden. Das Ganze ist ein sehr subtiles Spiel der Emotionen, das den meisten Ausländern völlig verborgen bleibt. Wer am Ende verliert, darf nicht ausrasten (auch wenn es gerade Tennisspieler gibt, denen das passiert), sondern zeigt sich als „good sport“, das heißt: nicht als Spielverderber. Man gönnt dem Gegenüber den Sieg und lächelt tapfer. Gelingt dies nicht, so ist es „not very cricket“ – eine besonders schöne Formulierung, die zeigt, woher das Konzept der Fairness stammt. Übrigens sind ja gerade die sportbegeisterten Engländer nicht immer ganz vorn dabei, wenn es um internationale Meisterschaften oder Wettkämpfe geht, um das mal vorsichtig auszudrücken. Trotzdem büßen sie ihre Begeisterung nie ein. „Good sports“ halt!

Gut, grölende englische Fußball-Hooligans entsprechen nicht zu hundert Prozent dem Bild des Fairplay. Aber erstens haben auch sie ihre Regeln, wenn es um den Kampf mit den gegnerischen Fans geht, zweitens können die weitaus meisten Fußballanhänger sie nicht leiden und distanzieren sich von solchen Entgleisungen, genau wie bei uns.

Das Wort „fair“ stammt aus dem Altenglischen und heißt ursprünglich „schön anzusehen“, „a fair maiden“ war eine hübsche junge Frau, „the fair sex“ war „das schöne“, sprich weibliche Geschlecht. Noch heute ist die Formulierung „fair weather“, schönes Wetter, gebräuchlich. Außerdem heißt „fair“ auch „blond, hell“. Der Begriff der Fairness im heutigen Sinne taucht erstmals im 17. Jahrhundert auf.


 

 

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