Das neue Jahr beginnt auf den Britischen Inseln nicht mit Vorsätzen, sondern mit einem Sprung ins kalte Wasser. Bei klarem Himmel, scharfem Wind und einer Temperatur, die der Körper nur widerwillig akzeptiert. Neujahrsschwimmen heißt das Ritual, und es ist weniger Event als Verabredung mit der Realität.
Boxing Day, Neujahr – jede Gelegenheit zählt
Für viele ist es bereits der zweite Sprung ins kalte Wasser innerhalb weniger Tage, zuerst am Boxing Day, dann an Neujahr. Der Kälteschock gilt hier nicht als Mutprobe, sondern als bewährtes Mittel, um den Körper auf null zu setzen. Er belebt, schärft die Sinne, zieht den Kopf aus der weinbenebelten Watte der Feiertage. Studien berichten von Endorphinen, Adrenalin, einer kurzfristigen Stimmungsaufhellung, die auch bei depressiven Verstimmungen hilft. Die Schwimmer sprechen weniger darüber. Sie gehen einfach rein. Der Kälteschock kommt sofort. Kein langsames Gewöhnen, kein vorsichtiges Herantasten. Die Wellen machen kurzen Prozess, der Atem stockt, das Blut in den Adern gefriert ein bisschen, aber der Kopf wird klar. Für einen Moment ist alles weg, was man doch noch ins neue Jahr mitgeschleppt hat. Was jetzt nicht abgefroren ist, darf bleiben.
Am Strand versammelt sich das ganze Dorf. Eltern, Kinder, Hunde, Thermoskannen. Man kennt sich, man lacht, man ruft Ermutigungen in Richtung Meer, die vor lauter Zähneklappern niemand hört. Einige bleiben knietief im Wasser stehen und nennen es Erfahrung. Andere stürzen sich rein, als wäre Geschwindigkeit ein Argument. Es gibt keinen Preis, keine Medaille und auch keine Siegerliste. Der Applaus kommt trotzdem. Wenn die ersten wieder herauskommen, zitternd, rot, grinsend, werden Handtücher gereicht, Umarmungen verteilt, Kommentare gemacht, die sich jedes Jahr aufs Neue wiederholen. Kalt sei es gewesen. Aber gut. Sehr gut sogar.
Ein kaltes Vergnügen mit Geschichte
Neujahrsschwimmen ist kein Mutbeweis, sondern eine angelsächsische Art, das Jahr zu beginnen. Entstanden ist diese aus einer Mischung aus Küstenalltag, viktorianischer Badekultur und dem pragmatischen Glauben, dass frische Luft und kaltes Wasser mehr bewirken als gute Vorsätze. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich in England und Irland erste Gruppen am Neujahrsmorgen zum gemeinsamen Bad im Meer, weniger aus Ritual als aus Gewohnheit. In Küstenorten war das Wasser Teil des Lebens. Wer fischen konnte, konnte auch schwimmen. Der Jahreswechsel bot schlicht einen Anlass. Kein Neubeginn mit Pathos, sondern ein kurzer Schock, der wach macht und klärt. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Man geht hinein, kommt wieder heraus und lässt das Jahr beginnen, ohne großes Tamtam. Typisch.
Entlang der britischen Küste
Entlang der englischen Küste wiederholt sich das Bild Jahr für Jahr, mit kleinen regionalen Unterschieden und derselben Entschlossenheit. In Brighton knirschen die Kiesel unter nackten Füßen, noch bevor das Wasser erreicht ist. Die See ist grau, der Himmel hoch und die Promenade voll mit Menschen, die lieber zuschauen als mitmachen. In Cornwall laufen sie in Buchten ins Meer, die im Sommer Postkartenmotive sind und im Januar nur eines leisten sollen: Kälte. Surfer stehen daneben und tun so, als wäre das alles nichts Besonderes. Cool, hey?
Weiter nördlich, in Blackpool, wird das Neujahrsschwimmen lauter und kostümierter. Verkleidungen, Musik und viel Lärm – aber nicht um nichts. Doch auch dort gilt: Wer drin ist, ist drin. In Schottland wird es wieder stiller. Nach Hogmanay hängt noch Feuerwerksrauch in der Luft, wenn sie in Buchten und Firths ins Wasser gehen. Die Kälte ist härter, die Stimmung konzentrierter.
In Nordirland trifft man sich am Strand von Ballyholme, dort, wo der Ballyholme Yacht Club den Ton angibt und das Meer nicht fragt, ob man bereit ist. Punkt elf Uhr stehen sie da, die Hartgesottenen, in Bikini, Badehose oder Anzug, manche noch mit der Santa-Claus-Mütze vom Boxing-Day-Swim, andere mit Wollkappe und alle mit dem gleichen Gesichtsausdruck, der sagt: Das ist eine schlechte Idee. Und trotzdem eine gute.


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