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Alfred Hitchcock und der Blick in den Abgrund

Alfred Hitchcock und der Blick in den Abgrund

Er wird der „master of suspense“ genannt, der Meister der Spannung. Aber Alfred Hitchcock, der am 13. August 1899 – also vor genau 120 Jahren – in der Nähe von London zur Welt kam, war auch und vor allem ein interessierter Laienpsychologe. In seinen mehr als 50 Filmen, von denen viele bis heute sehenswert sind, blicken wir oft in menschliche Abgründe. Da wimmelt es von unbewältigten Traumata, dominanten Müttern, manipulativen Gatten, Schuldgefühlen, Komplexen, unterdrückter Sexualität, unbeabsichtigten, aber folgenreichen Fehlern und und und … wirklich und wahrhaftig zum Gruseln! Vieles wirkt aus heutiger Sicht etwas konstruiert, trotzdem war Hitchcock seiner Zeit weit voraus und legte seine Figuren vielschichtiger an, als es damals üblich war.  

Berühmt wurde er in Hollywood, jedoch hatte der Sohn eines Kaufmanns zuvor schon in England zahlreiche Filme gedreht (ab 1939 ließ Hitchcock sich in den USA einbürgern). Ganz früh zeigte sich sein Talent, ungewöhnliche Mittel einzusetzen, zum Beispiel eine hektische Kameraführung, die den gehetzten Blick einer Figur nachahmt, eine künstliche und beängstigende Einengung des Sichtfeldes, extreme Nahaufnahmen. Unvergessen sind die Szenen aus „Psycho“ in der Dusche, die den Mord nur als Schattenriss zeigen, gefolgt vom Blut im Abfluss und überlagert von einer schrillen Tonfolge. Die Mordopfer, aber auch die weiblichen Hauptfiguren seiner Filme waren in aller Regel blond und vom Typ „Eisprinzessin“, eine Fixierung, über die viel geschrieben und spekuliert worden ist. Zu den bekanntesten Vertreterinnen gehören Grace Kelly, die auch nach ihrer Heirat mit Fürst Rainier gern weiter mit Hitchcock gedreht hätte (aber nicht durfte), sowie Tippi Hedren.

Unter all den Filmen Alfred Hitchcocks die besten auszuwählen, ist schwierig. „Psycho“ gehört sicher dazu, weil er ein neues Genre schuf, den Horrorfilm mit psychopathischem Täter. „Rebecca“ hat viele unvergessliche Szenen, nicht nur den großen Brand von Manderley, auch die leisen und fiesen Worte der Haushälterin, die Joan Fontaine (oder vielmehr die namenlose junge Frau, die sie darstellt) zum Sprung aus dem Fenster auffordert. „Die Vögel“ brilliert durch für die damalige Zeit aufwendige Tricktechnik. Wer sich allerdings richtig gruseln will, sollte mal die Erzählung von Daphne du Maurier lesen, auf der das Drehbuch basiert. Viel schlimmer als der Film!

Mr. Hitchcock, der 1980 starb, hat Maßstäbe gesetzt und Filmgeschichte geschrieben. Seine Handschrift ist ebenso unverkennbar wie sein Gesicht, über das er unglücklich war – was ihn aber nicht von seinen berühmten Cameoauftritten in vielen Filmen abhielt.

P. S. Die Undergroundstation von Leytonstone (wo er geboren wurde) ist mit Mosaiken geschmückt, die Szenen aus Hitchcocks Leben und Werk zeigen. Lohnt beim Londonbesuch einen Abstecher! www.london-walking-tours.co.uk/secret-london/hitchcock-mosaics-leytonstone.htm 

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