Die feine englische Art

Allein in der Wüste: Politik-Pionierin Gertrude Bell


Allein in der Wüste: Politik-Pionierin Gertrude Bell

Manche Menschen sind ihrer Zeit weit voraus. Dazu gehört sicher Getrude Bell, die am 14. Juli 1868 – vor 150 Jahren – in Nordengland zur Welt kam. Sie streifte alle Konventionen ab, die ihr als Frau aus besseren Kreisen ein auf Häuslichkeit und Repräsentation beschränktes Leben zuwiesen. Und wurde Weltreisende, Forscherin, Politikerin, Expertin für den Nahen Osten, Archäologin, Autorin und im Ersten Weltkrieg Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes.

Gertrude Bell hatte das Glück, in eine liberal eingestellte Familie geboren zu werden, die ihr ein Studium in Oxford ermöglichte. Wie im 19. Jahrhundert üblich, war sie als Frau aber nur als Gasthörerin zugelassen, bekam trotz exzellenter Abschlüsse keinen Titel und musste sich zu den Vorlesungen von einer Anstandsdame begleiten lassen. Man kann sich heute kaum vorstellen, auf welche Ideen die akademische Welt damals kam, um Frauen von Bildung auszuschließen! Aber Gertrude ließ sich nicht schrecken.    

Reisen in fremde Länder faszinierten sie. Sie war auch in Europa viel unterwegs, jedoch konzentrierte sie sich bald auf den Nahen Osten und lernte Persisch und Arabisch. Furchtlos, teilweise ganz allein, durchquerte sie Wüsten, besuchte Völker in abgelegenen Gebieten, knüpfte Kontakt zu Scheichs und Königen und schaffte es, ihren Respekt zu gewinnen. Sie waren erstaunt über die durchsetzungsstarke Frau mit den roten Haaren! Aber sie akzeptierten sie als „Mann ehrenhalber“ … Über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse schrieb Gertrude Bell Artikel und Bücher. Während des Ersten Weltkriegs war ihr Fachwissen beim Geheimdienst in Großbritannien sehr gefragt. Und als der Krieg zu Ende und das Osmanische Reich untergegangen war, wirkte sie maßgeblich an den Grenzziehungen für den Irak mit – was bis heute Folgen hat, nicht unbedingt nur positive. Gertrude Bell war auch Zeitzeugin des Massenmords an den Armeniern 1916/17 und schrieb Berichte darüber. Übrigens war sie gut bekannt mit Lawrence von Arabien.

Im Privatleben hatte diese spannende und widersprüchliche Persönlichkeit – Bell war angeblich gegen das Frauenwahlrecht, obwohl sie selbst ganz frei und selbstbestimmt lebte – nicht nur Glück. Zwei große Lieben endeten tragisch, sie heiratete nie. Als Gertrude Bell älter wurde, litt sie an Depressionen. Zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag starb sie in Irak an einer Überdosis Schlaftabletten. Ob es Freitod war oder ein Versehen, wird wohl nie geklärt werden. In Irak, wo sie auch das Nationalmuseum aufgebaut hat, ist sie bis heute sehr bekannt und angesehen.


 

 

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