Die feine englische Art

Stadtmenschen, Teil zwei: Die Geordies


Wer aus Newcastle upon Tyne stammt, ist ein Geordie und froh darüber. Dieser Menschenschlag spricht einen eigenen Dialekt, der ebenfalls Geordie heißt und genauso klingt, wie die Leute hier oben im Nordosten Englands sind: freundlich, aber deutlich (weniger von der Aussprache als von der Aussage her…).  Sie halten nicht hinter dem Berg mit ihrer Meinung, finden Vornehmtuerei albern und haben das Herz auf dem rechten Fleck. Das mag ein Klischee sein, klar, aber das Schöne an Klischees ist ja, dass sie immer einen wahren Kern haben.  

Junge weibliche Geordies erkennt man daran, dass sie im Winter in schulterfreien Kleidern und Sandalen, aber ohne Mantel durch die Stadt stöckeln. Junge männliche Geordies halten auch nicht viel davon, ihren Bizeps unter Jackenärmeln zu verstecken. So zieht jedes Wochenende eine Heerschar leicht Bekleideter durch diese geschichtsträchtige Stadt, die als Englands Partymetropole gilt. Earl Grey – ja, der Namenspate des köstlichen Tees, vor allem aber Premierminister im 19. Jahrhundert – schaut sich das Ganze ungerührt von seiner Säule in der Altstadt an (Geordies in gesetzterem Alter ziehen sich aber ganz normal an).

Newcastle ist einer jener Orte, an denen man sofort Hilfe angeboten bekommt, wenn man sich verlaufen hat oder etwas sucht. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat sich die Stadt außerdem sehr gemacht. Sie war früher eine echte Industriestadt, Schwerpunkt Schiffsbau und Kohle, und nach dem Niedergang dieser Branchen kamen manche Stadtteile herunter. Doch Newcastle hat sich als Kulturstadt neu erfunden. Am Flussufer des Tyne, das man früher besser nicht aufsuchte, sind schicke Hotels und Kneipen entstanden, teils in den alten Hafengebäuden. Und die legendären Brücken, eine immer neben der anderen, geben ein tolles Fotomotiv ab. Gegenüber auf der anderen Seite, in der Schwesterstadt Gateshead, liegt wie ein riesiger Wal aus Glas die Konzerthalle Sage. Aus einer alten Getreidemühle, dem „Baltic“, ist ein Kulturzentrum geworden.  Die schön restaurierte Altstadt und Chinatown in Newcastle sind auf jeden Fall auch einen Besuch wert.

Woher der Name Geordie kommt? Darüber streiten sich die Gelehrten. Fest steht, dass er eine Form des Vornamens „George“ ist, aber welcher George der Pate sein könnte, weiß letztlich niemand. Manche denken, es war einer der deutschstämmigen Könige namens George, andere sagen, es war der Eisenbahnpionier George Stephenson, der hier geboren wurde.

Der Dialekt gilt übrigens als der älteste im Lande und soll noch sehr nah am mittelalterlichen Englisch sein. Beispiel gefällig? „Town“ wird auf Geordie wie „Tuhn“ gesprochen, „book“ wie „Buhk“, „clothes“ wie „klähs“. Die Einheimischen verwenden auch eine ganze Reihe Wörter, die es sonst nirgendwo gibt, etwa „radge“ für verrückt oder „scran“ für Essen.


 

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